Das Meer stirbt 

Todesbotschaft inmitten der Fülle

Seit Wochen habe ich es gefühlt. Mein Verhältnis zum Meer hat sich verändert. Wo ich früher unbedenklich und mit purem Vergnügen hineingesprungen bin, stehe ich jetzt zögernd und nachdenklich am Ufer. Das Wasser ist nicht mehr das, was es einmal war. Es hat die Anziehungskraft auf mich verloren. Diese unbeschwerte Leichtigkeit und Freude, darin herumzutollen. Etwas fühlt sich nicht mehr richtig an. Aus dem Gleichgewicht. 

 

Wirklich bewußt habe ich das zum ersten Mal auf den Azoren wahrgenommen. Dort bin ich nicht einmal im Ozean gewesen. Dann kam der Abel-Tasman-Nationalpark in diesem Januar. Und ein Gefühl von Gefahr. Es ist eine Art der Sorge, was dieses Ungleichgewicht alles heraufbeschwört. Ich habe an die Geschichten aus Westaustralien gedacht, die Haiangriffe, die sich häufen, weil sich das Wasser erwärmt und damit die Nahrungsketten durcheinandergeraten. Es ist unübersehbar, was menschliches Eingreifen für Folgen hat. Aber meine Intuition lässt mich Abstand halten, von diesem Wasser.

 

Nur an diesem Morgen springe ich mitten hinein. Hinein zu den Delfinen vor Kaikoura. Hinein in ihr Spielen. In ihre Lebensfreude. Zu ihren wunderbaren Augen und der Schönheit ihrer Bewegungen. Der Eleganz des Unterwasser-Tanzes. Sie umfließen mich mit ihren Flossen-Schlägen und ich spüre die Aufmerksamkeit, die Wachheit in jeder Pore. Um mich herum scheint das Meer vor Fruchtbarkeit zu bersten. Es war an dieser Stelle immer ein Ort puren Nahrungsüberflusses für alle Wesen. Deshalb gibt es hier immer Delfine. Nicht ein Dutzend, nicht zwanzig. Hunderte. 

 

Aber heute fühlt sich das Wasser anders an. Ganz anders. Ich spüre zum ersten Mal mit jeder Zelle meiner Haut, wie nah es an einer Abfallgrube ist. Dieses Plankton um mich herum ist von einem Lebensspender in etwas Erstickendes verwandelt worden. Das Meer stirbt. So deutlich erscheint der Gedanke, dieses Gefühl in meinem Inneren, wie eine Leuchtreklame am tiefschwarzen Nachthimmel. Es gibt keinen Zweifel in mir. So absurd es mir am liebsten erscheinen möchte, so weit weg von dieser Welt ungehemmter Verschmutzung. So mitten im angeblichen Paradies.

 

Ich weiß nicht, ob die Delfine diese Botschaft zu mir verstärken. Rein äußerlich scheinen sie unbekümmert wie eh und je durch die Wellen zu pflügen. Wie Kinder. Aber ich weiß, das diese Schein trügt. Sie wissen genau, was geschieht. Aber sie wissen auch, das am Ende dieses Lebens ein Anderes beginnt. So, wie ich. Aber eine Traurigkeit wird dadurch in diesem Moment nicht geringer. 

 

In meinen Augen sind Tränen. Ich stehe auf dem Boot und schaue ihrem Herumtollen zu. Sie bleiben ungewöhnlich lange. Und in mir ist ein Abschiednehmen. Abschied von der Unschuld. Abschied von diesem Bild. Abschied von Kaikoura. Alles hier geschieht für mich zum letzten Mal. Nicht nur, weil der ungehinderte Kommerz und die Vermarktung des Meeres im Ort mich zutiefst abstösst sondern auch weil es nichts mehr gibt, das ich in diesem Wasser tun möchte. Es ist vorbei.

 

Und das Meer stirbt.

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