Ungehobene Schätze 

Verachteter Reichtum 

Was ist ein Land ohne Wurzeln? Was ist ein Kontinent ohne Geschichte? Was füllt das Loch, das ich hier fühle? Ein tiefes, schwarzes und abgrundtiefes Loch?

 

Was ist dieses Australien? Was ist seine Identität? Was hier ist wirklich unverwechselbar? Was macht es aus? Ich kann es nicht spüren. Ich fühle nur eine schmerzende Leere, dort wo duftendes Leben sein sollte. Ich spüre Schuld und Verbitterung, wo Brüder und Schwestern sein sollten. Ich habe selten irgendwo auf dieser Welt Menschen erlebt, die weniger verstehen, wer das Gegenüber ist, als bei diesen weißen Australiern gegenüber den Aborigines. Und ich habe noch seltener soviel Verleugnung der eigenen Verantwortung erlebt.

 

Aber ich fühle eine schwärende Wunde, über die  achtsam hinweggesehen wird. Ich sehe die Versuche, etwas zu kitten, hier, da, dort. Aber sie geschehen fast immer mit diesem Gefühl der eigenen Überlegenheit. Sie wollen die Anderen zur eigenen Lebensweise bekehren. In irgendeiner Form. Sie lassen außer Acht, was für Verbindungen und Familienbande zerstört wurden und blenden aus, das die Dinge nicht von selbst heilen, nur weil ein paar Jahrzehnte Stille herrschte. Und damit werden diese Unmengen materieller Duschen zu bloßen Gesten, wohlgemeinten Gesten, die aber nichts weiter tun, als die bestehende Abhängigkeit und Leere zu zementieren und das schlechte Gewissen mit Wasserspritzern zu besprenkeln. 

 

Dieses Land, dieser gesamte Kontinent übt sich in gnadenlosem Selbstvergessen. Die weiße Gesellschaft blendet die Existenz der Aborigines im alltäglichen Leben zum größten Teil aus und lebt ein europäisches, modernes, zukunftsweisendes Sonnen-Feier-Leben inmitten einer vollkommen anderen Welt. In einer fremden Welt. Eine Welt, die alles auf den Kopf stellt und ein ganz anderes Sein fordert. 

 

Ich habe in Australien immer das Gefühl, das die Menschen hier eigentlich nur Engländer mitten im schönen Sommerwetter sein wollen. Engländer, die die ganzen sozialen Hürden der engen aristokratischen Hierarchie aus dem Fenster geworfen haben und ihre Freiheit in vollen Zügen geniessen. Aber in ihrem Herzen sind sie Europäer. Obwohl sie am anderen Ende der Welt liegen, ihre Nachbarn asiatischen Völker sind und der größte Teil ihrer Bevölkerung sowieso eine bunte Mischung der gesamten Erdkugel ist. Und gerade weil sie so wurzellos sind, haben sie auch irgendwo, tief in sich, die Angst vollkommen überrannt zu werden. So, wie im Augenblick von den Arabern. Oder von Chinesen. Oder von Japanern. 

 

Ihr Selbstverständnis kreist um die Flucht in die Natur. Outdoor-Leben ist das, was ich in Tasmanien als Seins-Stiftend erlebe. Männer gehen Wandern, Mountainbiken und Angeln. Und Frauen, wenn sie es wirklich wollen, auch. Sport ist so wichtig, wie die Luft zum Atmen und BBQ und Campingausrüstung gehören in jeden ordentlichen Haushalt. 

 

Was noch augenscheinlicher ist, gerade hier in Devonport, ist die Armut. Tasmanien ist der ärmste Bundesstaat Australiens. So wollen es zumindest die Zahlen. Und wenn ich mich hier umschaue, kann ich das unterschreiben. So kosmopolitisch und Wolkenkratzer-geprägt wie Melbourne sich gibt, so einfach, schäbig und irgendwie angekratzt erscheint Tasmanien. Die Menschen stellen eine bunte Mischung dar. Ihre Herzlichkeit ist grandios, aber sie sind auch das, was ich in Deutschland als hemdsärmlige Blaumänner-Arbeiterklasse identifizieren würde. Ein bisschen ist es wie England von 1960. Sowohl dem Stil der Hauseinrichtungen als auch vom Stil der Fernsehwerbung her. Alles wirkt altmodisch und versucht doch gleichzeitig unendlich modern und aufgeschlossen zu wirken. 

 

Und unter all diesen Widersprüchen pulsiert dieses gnadenlose Vakuum. Australiens Geschichte beginnt in den Köpfen nicht vor 50.000 sondern vor 200 Jahren. Es ist die Geschichte der Weißen. Und selbst diese Fernsehserie, die im Augenblick läuft und die sich stolz "This is Australia" nennt, reißt die Kultur der Aborigines nur in Eckpunkten an. Teils, weil sie so unverständlich scheint und so geheimnisvoll, teils weil in den weißen Australiern immer noch deutlich spürbar ist, wie sehr sie sich den Schwarzen überlegen fühlen. Gleichwertigkeit und wirkliche Achtung sind weit entfernt. 

 

Und dabei wären sie für mein Gefühl die Grundlage für eine wirkliche gesunde und starke Kultur. So berauben sich die Australier ihrer wahren Wurzeln und suchen sie da, wo sie nicht mehr sind. In Europa. 

 

Die Lösung erscheint mir einfach. Wirklich dort sein, ankommen und leben, wo man ist. Und das eigene Land, das Australien, wie es ist, lieben lernen. Nicht nur die große Freiheit, die Weite und den Platz sondern vor allem seine wirkliche Geschichte. Eine Geschichte voller Rätsel, Geheimnisse und ungeklärter Tatsachen. Eine Geschichte, zu der die Aborigines den Schlüssel in den Händen halten. Nur miteinander, nur in einem wirklichen Miteinander wird dieses Land seine Schönheit entfalten können. Für jeden Menschen, der hier lebt. 

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