Tag 1 - The Divide zur Lake Mackenzie Hut

12 Kilometer

380 Meter Aufstieg und diverse haarige Abstiege

Fotos: Heike Würpel

Ich bin verwöhnt. Von den hervorragenden Wegen des Milford Tracks, an dem sich meine Beine nur zu lebhaft erinnern und vom strahlenden Sonnenschein. In der letzten Nacht und heute Morgen regnet es, teilweise in Strömen.

 

Aber kaum entlässt mich der Bus aus seiner Wärme, hört das Wasser auf vom Himmel zu fallen. Wie auf Bestellung. Dabei bin ich schon perfekt angezogen für jede mögliche Wetterwendung. Es hätte mir gar nichts ausgemacht. Jetzt schäle ich mich wieder aus den mannigfaltigen Schichten, auch wenn der Himmel noch drohend voller dunkler Wolken hängt. Es geht bergan. Stetig bergan und es ist einfach zu warm mit der Regenjacke. Wenn ich sie anlassen würde, wäre ich am Ende nasser als nach jedem Guss, weil mein Schweiss innen hängenbleibt und mich in ein tropisches Mikroklima-Treibhaus verwandelt.

 

So luftig ist es viiiiiiel besser. Nach nur einer Stunde komme ich schon zum Abzweig Richtung erster Berggipfel. Dem Key-Summit (Schlüssel-Gipfel), 919 Meter. Der größte Teil meines Rucksacks bleibt an der Kreuzung und ich laufe gemütlich mit leichtem Gepäck (dem oberen Rucksackteil) zum Gipfel. Noch bin ich fast allein und es ist herrlich hier. Die Wolken zaubern ein vollkommen anderes und sehr viel spannenderes Bild, als es dem gleichförmig blauem Himmel möglich ist. Schatten und Licht tanzen in ewigem Liebesspiel und eigentlich möchte ich nur hier sitzenbleiben und zuschauen. Rundherum schneebedeckte Gipfel, Gletscherzungen, hier und da ein kleiner See und ganz unten in der Tiefe kann ich der Straße zum Milford Track auf den Asphalt schauen. Der Motorlärm der Autos dringt bis zu meinen Ohren. 

 

Aber im Inneren gehe ich gerade auf eine weite Reise. Mitten hinein in eine meiner verzweigtesten und intensivsten Wunden. Hinein in das Gefühl vom "nicht gut genug sein". Diesmal bezieht es sich auf meine Arbeit als Trekking-Guide. Und es hatte eine weite Basis, um ausgelöst zu werden. Denn so gut wie Jeder läuft hier schneller als ich. Und schon ist sie wieder lebendig, diese Stimme in mir, die mir davon erzählt, das ich unfähig bin und absolut nicht tauglich dafür, Trekking-Gruppen auf Gipfel zu führen. Es ist die Stimme, die das atemberaubende Tempo der Welt zu ihrem Ziel erkoren hat und die Anpassung an alles, was von Außen kommt. Ich kenne sie gut, sie taucht seit dem letzten Jahr regelmäßig auf und erklärt mich zum Versager.

 

Aber dieser Berg hier heißt nicht umsonst Key-Summit. Und das Gefühl taucht nicht umsonst gerade hier so stark auf. Hier habe ich den Raum und die Weite des Himmels über mir. Hier kann ich diesem Gefühl allen Platz geben, den es haben will und zu einer anderer Wahrheit wachsen. 

 

Und diese Wahrheit ist ganz schlicht und ganz einfach. Ich bin ein Geschenk. Auch und gerade als Trekking-Guide. Genau wegen meines Tempos, das aus einem tiefen inneren Frieden kommt. Ein Tempo, bei dem ich meine Umgebung ganz in mir aufnehmen kann. Ein Tempo, bei dem ich wirklich da bin, präsent, wachsam und unendlich bewußt. Ich spüre jeden Stein, ich sehe jeden Märchenbaum, ich fühle die Natur um mich herum wie mich selbst. Ich lebe vollkommen in diesem Moment, ganz eins mit meinem Körper, mit meinem Atem. Ich bin in dem Zustand, zu dem Millionen Menschen verzweifelt wollen. Mit aller Kraft. Mit viel Geld und mit der höchstmöglichen Geschwindigkeit. Ich bin da, sie kommen nie an. Weil der Ort, an den sie möchten immer erst beim nächsten Berggipfel auf sie wartet. Überall sonst, nur nicht da, wo sie gerade jetzt schon längst sind.

 

Ja, ich bin ein Geschenk. Genau das ist ein Teil meiner Berufung. Mich dort zu verschenken, wo es am nötigsten gebraucht wird. Dort, wo die Menschen am schnellsten und intensivsten ihrem eigenen Leistungsanspruch hinterherrennen. Dort, wo das eigene Selbstwertgefühl am tiefsten mit Höher-Schneller-Besser-Weiter-Denken verwoben ist. Genau dort - beim Trekking - da bin ich richtig. 

 

Eine Last fällt von meinen Schultern. Die Last des nagenden Zweifels. Zweifel an meiner Art, meinem Körper, meiner Kraft und meinem Weg. Zweifel an meinem ganzen Sein. Ich bin richtig. Vollkommen richtig. Und ich bleibe ganz bei mir.... Es ist pure Freiheit.... So, wie der Himmel über meinen Kopf, so wie der weite Blick vor meinen Augen. Es musste ein Berggipfel sein, um das zu fühlen und zu sehen. Es brauchte die Weite, um zu erkennen, in welchem Käfig ich selbst bisher herumgeirrt bin. 

 

Es ist ein tiefer Prozess, den ich hier erlebe. Begleitet von Tränen, Schmerz und neuen Tränen. Ich bin im richtigen Augenblick hier oben. Vor allen Menschenmassen, die jetzt kommen. Die geführte Gruppe naht - Japaner. Eine endlose Zahl laut schnatternder, kamerabewaffneter und Mundschutzbewehrter Japaner. Sie schnaufen schon bei diesem harmlosen Anstieg. Aber - sie wollen alles sehen. 

 

Trotz ihrer Anwesenheit - tauche ich noch in einen kleinen Märchenwald ein. Uralte Buchen, herrlich gewunden und flechtenüberwuchert lassen ihre Zweige seit Jahrhunderten hier oben im stürmischen Wind tanzen. Sie haben eine so majestätische Austrahlung, das mich die Energie sofort gefangen nimmt. Es ist eine Präsenz purer Weisheit und innerer Kraft, die mich hier überflutet, wie ein warmer Regenguss. Sie sind Wächter und Zeugen, Engel und Freunde. Unsere Seelen berühren sich, sacht, sanft und unendlich liebevoll. Und jeder meiner Atemzüge wird zu einer Andacht. Ihre Botschaft ist die Langsamkeit. Dieses wunderbare, organische und natürliche Wachstum, das niemals aufhört und niemals überhand nimmt. Ein Wachstum, das sich seine Zeit nimmt und seine Zeit braucht. Ein Wachstum, das die Geduld des Wartens zu einer unendlichen Freude macht. Und bei dem jede Etappe pure Schönheit und Vollkommenheit hervorbringt. Es ist mein Rhythmus, es ist mein Tempo. Es ist meine Art zu sein, die ich hier in ihrer ganzen Weite umarmen kann. 

 

So, wie schon wenige Momente zuvor in diesem intensiven Prozess.

 

Das Lächeln bleibt auf meinem Gesicht. Es wird den ganzen Tag nicht mehr gehen. Auch wenn die Japaner gerade hinter mir aufschließen und den Zauber des Augenblicks zerschlagen wie eine Elefantenherde im Porzellanladen. Sie fühlen nicht, was gerade hier geschah, sie rennen hindurch, nachdem sie ein Foto gemacht haben. Atemlos und gehetzt. Auf der Suche nach dem nächsten Höhepunkt. 

 

Aber ich lächle. Und steige sacht und langsam hinunter in das Traumpanorama der Berge.

 

Es ist eine wunderbare Wanderung. Es ist ein wunderbarer Tag. Ich schwelge in dieser Fülle an Baumgespinsten, im sprudelnden Wasser und in diesem deutlich fühlbarn Ansteigen aus den Tiefen des Tales. Jeder Schritt offenbart ein neues Universum. Jede kleine Pflanze wird für mich zur puren Inspiration. Ich bin mitten in einem Märchen, ich laufe durch einen Traum. Ich tauche in das kalte Nass des Earland Falls, der 174 Meter aus dem freien Fall in diesen natürlichen Swimmingpool strömt und ich schmiege mich an die dicken Moospolster auf beiden Seiten des Weges. Es geht ständig auf und ab. Jeder Schritt braucht volle Konzentration. Geröll, Baumwurzeln, Steinformationen, alles in einem unendlich kunstvoll verwobenen Teppich fordert mich und lässt mich immer auf's Neue vor Andacht innehalten. Meine Kamera hat viel Arbeit und meine Begeisterung ist wie ein stetiger, breiter Strom, der mich von einem Wunder zum nächsten trägt. 

 

Alle anderen Wanderer sind schon lange an mir vorbeigehuscht. Laut, leise, still und schnell. Meine Zeit wird dagegen zur Unendlichkeit. Es gibt keinen Grund, schon am frühen Nachmittag an der Hütte zu sein. Wozu? Ich bin jetzt hier. Ich bin genau da, wohin mich meine Träume führen wollten. Ich bin im Himmel. Ich brauche keine Hütte. 

 

Der Wald öffnet sich, die Elfen winken mir und die Gnome freuen sich darauf, das ich wieder zu Besuch komme. Eine goldene Wiese umgibt mich und der Horizont verrät mir, wie weit ich schon nach oben gestiegen bin. Mein Blick liebkost diese Wunderwelt aus Eis und Schnee auf allen Berggipfeln der Umgebung und meine Haut tankt die Wärme der Sonne, die schon lange, lange, lange vom blauen Himmel lacht.

 

Und dann kommt noch ein Wald. Ein wirklicher magischer Wald. Sein Alter umweht mich wie eine Berührung aus einem anderen Jahrtausend. Wieder sind es Buchen. Wieder ist es eine Majestät, die keine Worte braucht. Diesmal bin ich von Stille umgeben. Absoluter Stille. Alle Menschen sind weit weg, jedes Geräusch ist versiegt. Ich setze mich und lasse die Stimmen der Bäume in meine Seele fluten. Die Bilder beginnen in mir aufzusteigen, in aller Kraft und Klarheit und ich tauche in einen Ozean der Gefühle. 

 

Der Wald zeigt mir die Wirklichkeit der Bäume dieser Welt. Er zeigt mir die Vernichtung, er lässt mich die Kettensäge im Körper fühlen. das rotierende Blatt, das sich langsam in meine Eingeweide frisst und jedes Leben zum Erlöschen bringt. Ich sehe die brennenden Wälder des Amazonas Dschungels und die toten Flächen der Zerstörung in Asien. Ich spüre das Fallen der Urwaldriesen und die Ohnmacht und Verzweiflung im Angesicht eines eisigen Maschinenparks. Die Welt wird umgebracht. Systematisch und gnadenlos. Jeder dieser Bäume hier ist mit allen anderen verbunden. Jeder kennt die Realität, die Menschen in jeden Winkel der Welt tragen. Jeder fühlt die Vernichtung und das Sterben wie sein Eigenes. So, wie ich in diesem Augenblick. 

 

Der Wald schenkt mir seine Perspektive. Er schenkt mir seine Wahrnehmung, seine Sinne und sein Herz. Er teilt mit mir sein Wesen und den ganzen Abgrund des ungezählten Sterbens dieser Erde. Er will gefühlt werden. Er will gesehen werden. Er möchte sichtbar sein, anwesend und unlöschbar in den Herzen der Menschen. Kein Baum ist ein Gegenstand. Er hat eine Seele. So, wie jeder Mensch. Jede Kettensäge tötet ein lebendes, atmendes und zutiefst fühlendes Wesen. Es ist Mord. Ohne jede Achtung, ohne jedes Bewußtsein, ohne jeden Respekt. Und diese Welt ist voller Schreie, die die Menschheit mit allen Mitteln versucht zu überhören. 

 

Tränenüberströmt sitze ich im Halbdunkel meine Brüder und Schwestern. Mein Herz ist wund und mein Körper schmerzt. Das Entsetzen bleibt Wirklichkeit. 

 

Und dann überflutet mich eine tiefe Liebe, die aus meiner Seele zu den Bäumen strömt. Eine Liebe, geboren aus dem Wissen, eine Liebe, gespeist aus tiefstem, ehrlichem Mitgefühl. Eine Liebe, die nichts ungeschehen macht aber alles umarmt und damit Heilung bringt. Ich fließe mit diesem Strom, ich bin dieser Strom und ich kann das feste Band fühlen, das mich und diesen Wald - mich und die Wälder dieser Erde zu einem Ganzen werden lässt. Es wird nie mehr eine Trennung geben. Es wird nie mehr ein Vergessen geben. Wir sind eins. Eine Welt und eine Liebe. 

 

Die letzten Schritt dieses Tages führen mich hinunter zum See. Es braucht nur Minuten, um mein Bett in der Hütte auszusuchen. Ich bin in einer vollkommen anderen Wirklichkeit, als all die plauernden, fröhlichen und geschäftigen Menschen um mich herum. Ich bin in der Stille, in der Verbindung und in der Liebe. Und so tauche ich ein, allein, ins eisige Wasser und bleibe im weichen Gras am Ufer sitzen. Ganz zu Hause in diesem Augenblick. Ganz mit mir - im Jetzt.

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