Tag 2 - Lake Mackenzie Hut zur Routeburn Falls Hut

11,3 Kilometer

4-6 Stunden Gehzeit

355 Meter Aufstieg, 215 Meter Abstieg

Fotos: Heike Würpel

Es ist ein Tag des Schwelgens in weiten, weiten Ausblicken. Hoch über dem Hollyford Valley, hoch über der Baumgrenze zieht der Track seine Bahn. Und es ist Traumwetter. 

 

Alle Zeichen in mir stehen auf puren Genuss und auf Langsamkeit. Ich tauche in den letzten Wald vor der Baumgrenze, noch einmal wundervolles Feengespinst, noch einmal alte, verschnörkelte Buchenbäume in ihrer ganzen Energie und Lebendigkeit und dann schweift der Blick über dieses Juwel aus Wasser. Das Juwel, in dem ich gestern noch geschwommen bin. Die Farben des Mackenzie-See's von oben sind ein Gedicht. Türkis, Grün, Blau in allen Schattierungen. Höher und höher hinauf geht es, über Stock, Stein und jede Menge Geröll. Es ist kein einfacher Weg, aber er ist auch nicht übermäßig steil. Es braucht nur volle Konzentration, über all diese Felsvorsprünge zu klettern, ohne irgendwo hängenzubleiben oder anzustoßen.

 

Am Wegesrand winkt mir die ganze Sommerpracht der Blumenwiesen zu. Und ich liebkose mit Begeisterung jede neue Blüte in all ihren filigranen Verästelungen. Es sind Meisterwerke, vollkommene Meisterwerke. Ich weiß, das ich heute wieder den ganzen langen Tag nutzen werde. Das, was mich umgibt ist viel zu einmalig und schön, um schnell zu laufen. Ganz im Gegenteil. Eine Pause folgt der nächsten. Ich möchte alles ganz, ganz, ganz in mir aufnehmen. Diesen herrlichen Blick, die schneebedeckten Gipfel und diese kleinen bunten Farbtupfer der Wiesen. Die Struktur der Felsen und den Himmel über mir.

 

Alle Welt zieht an mir vorbei. Die schnatternden Japaner, meine Mitwanderer aus der Hütte. Alle sind schneller unterwegs. Alle sind in irgendeiner Form am Reden. Warum? Ich weiß es nicht. Ich bin ganz in der Gegenwart. Ganz inmitten der Vollkommenheit. Und ganz in der Stille und im Frieden. Willkommen im Paradies!

 

Meter für Meter, Ausblick für Ausblick geht es hinauf zum Harris Saddle. Hier, an der kleinen Hütte treffe ich die Meisten wieder. Es lockt der Seitenweg auf den Conical Hill. Von dort oben soll es einen fantastischen 360 Grad Rundblick geben und das Wetter ist wie geschaffen dafür. Die Rucksäcke reihen sich in langen Reihen auf. Fast jeder ist dort oben oder bricht gerade auf. Auch die japanische Gruppe. Es wäre sicher schön, das Panorama zu genießen. Aber dieser Ansturm und das, was ich dann an Menschenmassen auf dem Gipfel vorfinden würde, lässt mich zögern. Es fühlt sich falsch an. Wie eine Vergewaltigung des Berges. Für mich braucht es Stille und Andacht hier oben, keine Völkerwanderung. Ich werde keinen Raum dafür finden, nicht dort, nicht heute. Dazu sind zu viele Menschen unterwegs. Nicht nur meine Mitwanderer, nicht nur die geführte Gruppe sondern auch Tagestouristen. Der Strom reisst nicht ab und es wird keine Ruhe geben. 

 

In mir ist Bedauern, aber auch Entschlossenheit beim Weitergehen. Ich entscheide mich dafür, den Weg in vollen Zügen zu geniessen. Mein Tempo beizubehalten und dort anzuhalten, wo ich es möchte. 

 

Es ist die richtige Entscheidung für mich. Denn so kurz es von der Kilometerzahl her scheint, es ist eine lange Strecke und sie geht in die Beine, weil es so gut wie keine geraden Abschnitte gibt. Da ist kein Ausruhen möglich. Nicht beim Laufen. Umso mehr bei den Pausen. Es sind grandiose Flecken, die ich finde. Gemütliche Felsen vor der schönsten Kulisse, die sich vorstellen lässt. Ich fühle mich wie in einem Amphitheater. Unter mir glitzert der nächste See - Lake Harris. Über mir wölbt sich eine abenteuerlich aufgetürmte Felsenwelt. Hinter mir ziehen andere Wanderer vorbei. Nach oben und nach unten. Auch hier gibt es keine wirkliche Stille. Nicht im Außen. Aber in mir stört nichts die Magie dieser Augenblicke. 

 

Nur ein kleines Stück weiter unten gerate ich ins Wanken. Als eine Familie mir auf Schritt und Tritt folgt - bis zu einem kleinen Abstecher an einen herrlich kalten, sprudelnden Bach. Hier hätte ich mich gern länger niedergelassen. Aber zwei tobenden Kinder und ihre Eltern sind ein Stück zuviel auf wenigen Quadratmetern. 

 

Und so folge ich dem Wasserfall am Ende dieses Tages steil nach unten. Die Hütte kommt erst im letzten Augenblick in Sicht. Vorher ist da wieder - wie schon am Tag vorher - der Luxus der Unterkunft für geführte Wanderer. Hier auf dem Track stehen die Hütten unmittelbar nebeneinander. Es ist unmöglich, sie zu übersehen oder ihre Ausstrahlung zu ignorieren. Und es ist irritierend, weil es die Welt gnadenlos aufteilt. Weil es Hierarchien schafft, wo sie nicht hingehören. Gehören sie überhaupt irgendwo hin? Und weil es letzten Endes Menschen auf den Trail schickt, die mit ihrem leichten Gepäck eine vollkommen andere Schwingung mitbringen, einen ganz anderen Energielevel und eine völlig andere Ansichtsweise. Die geführte Gruppe heute war ein echter Brocken. Schwer verdaulich und unüberseh- bzw. -hörbar.

 

Ich bin ihnen oft genug begegnet, um die Arbeit der Guides zu beobachten. Um zu sehen, was für Menschen mit ihnen unterwegs sind. Es erinnert mich an die Geschichten vom Mount Everest, von denen ich soviel gelesen habe. Die Menschen bezahlen dafür, das ihnen die Verantwortung abgenommen wird. Die ganze Verantwortung. Es ist eine zweischneidige Sache. Denn es verführt dazu, die eigene Leistungsfähigkeit gnadenlos zu überschätzen und damit sich und Andere in Gefahr zu bringen. Die Guides stehen unter dem Druck, jedem ein tolles Erlebnis zu bieten. Jedem, weil er gezahlt hat. Inwiefern sind sie frei, auch klar die Grenzen aufzuzeigen? Wo und wann ziehen sie die Linie zwischen Unmöglichkeit und Machbar?

 

Auf dem Everest haben diese geführten Touren zu einer Kultur der gegenseitigen Nichtbeachtung und aberwitziger Ansprüche geführt. Nur sehr wenige Leute aus der geführten Gruppe sind wirklich körperlich in der Lage, den Gipfel zu besteigen. Nur wenige haben eine echte Vorstellung von den Gefahren und von den Notwendigkeiten. Nur wenige hören wirklich zu. Und die allerwenigsten sind bereit sich selbst ihre eigenen Grenzen einzugestehen. Stattdessen fordern sie. Mit aller Macht ihrer Brieftasche. Sie wollen hinauf. Um jeden Preis und gegen jeden Funken Verstand. Und die meisten Guides versuchen das Unmögliche, weil sie das Geld brauchen. Weil sie den Job brauchen. Weil sie in irgendwelchen Zwängen stecken, die ihre Freiheit der Entscheidungsfähigkeit vollkommen außer Kraft setzt. 

 

Nun - das hier ist nicht der Everest, aber es ist Hochgebirgsland in einer Gegend, in der das Wetter jeden Moment umschlagen kann. Es ist kein gemütlicher Vorabendcouchsessel. Und wenn ich die Japaner so beobachte, dann spüre ich deutlich die Anflüge dieser Geschichten aus dem Himalaya. Es ist das gleiche, nur in klein. Es ist die milde Variante - bei diesem Traumwetter. Aber es ist exakt derselbe Mechanismus. Denn die Leute, die hier an den Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit entlangklettern, könnten niemandem in einer Notlage retten. Sie brauchen selbst Hilfe. Und sie gefährden damit jeden anderen Wanderer. 

 

In Neuseeland mischen sich diese geführten und individuellen Wanderer auf fast allen "Great Walks". Und es ist einer der Gründe, warum ich beim nächsten Mal andere Wege wählen würde. 

 

An diesem Abend wartet der Himmel noch mit einem grandiosen Schauspiel auf. Ein Gewitter zieht vorbei, die Blitze sind gigantisch und der prächtige Regenbogen im Grenzland zwischen Sonnenschein und Schauern ist ein Gedicht.... Es ist mein letzter Abend auf einem neuseeländischen Track. Es ist der letzte Abend des Wanderns in diesem Land. Mein Gefühlsbarometer steht auf Abschied. Und in mir summt eine Mischung aus Erfüllung und Traurigkeit, wie ein leiser Bienenschwarm. 

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