Tag 3 - Routeburn Falls Hut zur Routburn Shelter

Laufzeit 4-5 Stunden

8,8 Kilometer

560 Meter Abstieg

 

Fotos: Heike Würpel

Abstieg. Leichter, schöner Abstieg. Ein langsames, bewußtes Ausklingen. Wie eine große Symphonie, die nach dem Höhepunkt leisere Noten anschlägt, um fast unhörbar im großen Lied der Erde zu enden. 

 

Die Nähe zu den Menschen ist fühlbar. Dieser Abschnitt heute ist eine der Rennstrecken. Tageswanderer über Tageswanderer versuchen von Queenstown kommend über diesen Weg in einem Tag zum Harris Saddle und zurück zu kommen. Ständig kreuzen sie meinen Weg und allen ist eines gemeinsam. Irrsinnige Hast. Sie wissen, wie wenig Zeit ihnen bleibt und sie wollen alles in diesen Tag packen, was nur irgendwie möglich ist. Egal, ob ihre Fitness mitmacht oder nicht. Der Körper muss dem eisernen Willen folgen. Wieviele Menschen nehmen hier noch die Schönheit des Waldes wahr? Wieviele bleiben stehen, um die Himbeeren am Wegesrand zu pflücken? Wieviele haben die Muse, sich im eiskalten Flußwasser zu räkeln und das Panorama zu genießen? Niemand. Ich bleibe fast allein auf dem Weg und ganz allein am Fluss bei der Routburn Flats Hut. 

 

Es ist wunderschön hier unten im Sonnenschein. Und ich habe wieder einmal unendlich viel Zeit. Zeit, nackt zwischen dem kühlen Gras, der heißen Sonne und dem eisigen Wasser hin- und herzuspringen. Zeit, jeden Stein der Berge mir gegenüber zu betrachten. Zeit, mit meiner Umgebung zu verschmelzen. Zeit, die Stille und Majestät der Gifpel und das Grün der Wiese einzuatmen und tief in mich einzuladen. Zeit, wirklich zu Sein. Ganz präsent, ganz wach, ganz hier. 

 

Die Landschaft bleibt traumhaft, aber die Energie der Menschen stört zunehmend. Besonders an dern Forge Flats, einem Wunderland aus kraftvoll strömendem, himmelblauem Gletscherwasser, Baumstämmen und riesigen Steinen. Der Ort ist populär. Ungefähr 30-40 Leute drängeln sich gleichzeitig auf diesem Flecken Paradies. Die Luft ist voller Sprachen. Und ich verschwinde nach einer kurzen, kurzen Pause so langsam, wie ich gekommen bin. Nur ein paar hundert Meter weiter über der Schlucht finde ich meinen Platz. Die Felsen verstecken mich, die Menschen hasten hinter mir vorbei. Endlich wieder Stille. Und was für ein Platz! Diese Schlucht ist ein Gedicht. Es führt kein gangbarer Weg hinunter, aber jedes ruhigere Wasserstück da unten lächelt mir entgegen und lädt mich zum Schwimmen ein.... Es ist so schade, das der einzige echte Zugang vollkommen überlaufen ist. 

 

Menschen - sie bleiben das Problem an diesem Tag. Sie sind allgegenwärtig und trotz aller Gelassenheit und Ruhe ist mir bewußt, das ich ihnen ausweiche. Ausweichen muss. Es gelingt, irgendwie, aber es hat nicht mehr die Tiefe, die ich mir eigentlich wünschen würde. Es ist nicht mehr das Erlebnis, das es sein sollte. Trotzdem - der letzte Schluck klares Bergwasser aus dem Bach ist ein Gedicht und das Moos am Rand des Weges bleibt himmlisch weich. Aber der Wald um mich herum fühlt sich völlig anders an. Befriedet. So, wie der Track selbst, der zu einer Wanderautobahn geworden ist. Eben, weit und endlos gut ausgebaut. Jetzt könnte ich genauso gut durch einen deutschen Buchenwald spazieren. So groß ist der Unterschied nicht mehr. 

 

Die letzte Brücke. Ein futuristisches Gebäude taucht auf. So überdimensioniert und riesig, wie alle die modernen Varianten von touristischen Einrichtungen, die mir in Neuseeland so oft begegnet sind. Es ist gut, angekommen zu sein. Es ist gut, das die Wanderungen hier zu Ende gehen. Ich glaube, ich habe genug. Nicht von der Natur, ich habe genug von der Struktur drumherum. Genug von gelenkten Menschenmassen. Genug von Massenlagern mit 50 Leuten. Ich brauche eine Pause. 

 

Angefüllt mit Bildern, satt von Eindrücken. Und unendlich dankbar für jede Erkenntnis und jedes Geschenk. Meine Schatzkiste ist prall gefüllt. Es ist Zeit, zu gehen.

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