Die Seele einer Insel

 Wildnis, Abgorigines und Trockenheit

                Fotos: Heike Würpel

Es ist alles anders. Vollkommen anders. Ich bin in eine fremde Welt geplumpst, wie ein Neugeborenes in ein verwirrendes Leben. In meiner Erinnerung ist Tasmanien ein grüner, feuchter, blühender Ort. Ein Ort ohne giftige Tiere - pure Erleichterung und Labsal nach vielen Monaten auf dem australischen Festland.

 

Vor dreizehn Jahren war ich im Herbst hier, Schnee lag auf den Berggipfeln, die Tage waren angenehm frisch und der Himmel meist mit großem Wolkentheater gefüllt. Es gab heftige Regentage und nur gelegentliche Sonnenbesuche. Aber alles war in einer Art von Balance, die sich in meiner Erinnerung wie ein weicher Wattebausch anfühlt. Wandern auf dem Overland Track war Herausforderung, aber irgendwie ein ganz erfrischendes und extrem erfüllendes Erlebnis. Trotz des schweren Rucksacks.

 

Aber diesmal fühlt sich die Realität so anders an, als wäre ich auf einem neuen Stern. Diesmal komme ich aus einem Wasserparadies. Aus einer Welt ohne Schlangen, giftige Spinnen und Blutegel. Einer Welt der zahmen Vögel. Einem sicheren, grünen Dschungel, in der ich jeden Schritt als Offenbarung erlebt habe. Diesmal komme ich aus Fjordland in Neuseeland, ich hatte nur wenige Tage Zeit, um hier anzukommen, und es ist Hochsommer. Hochsommer in der tasmanischen Wildnis. 

 

Der Track führt mich - je nach Gehweise über 65 oder 80 Kilometer. In ein ständiges Wechselspiel von steilen Anstiegen und genauso steilen Gegenstücken. Er pendelt zwischen 700 Höhenmetern und knapp 1300 hin und her. Und alles, wirklich alles muss ich auf meinem Rücken über die vielen Wurzeln, Steine und Pässe transportieren. Zelt, Schlafsack, Isomatte, Kocher, Gas, Essen und selbst das Klopapier. 

 

Australiens Philosophie vom Wandern ist eine völllig andere, als die, an die ich nach Neuseeland gewöhnt bin. Sie hat sich dem Pioniergeist der Nation so sehr verschrieben, das es keinen Spielraum für Komfort gibt. Gar keinen. Es sein denn, ich trage ihn. Ja, es existieren Hütten auf dem Weg und es gibt Plumpsklos, aber sie könnten manchmal genauso gut aus den ersten Tagen der Besiedlung stammen. Und je uriger sie wirken, umso stolzer sind die Australier darauf. Umso mehr fühlen sie sich nah an der Natur. Eins mit ihrer Geschichte und ihren Ahnen. 

 

Für mich ist das nicht die glücklichste Verbindung. Denn ich möchte dieses Herz Tasmaniens wirklich fühlen und deshalb möglichst lange bleiben. Anders als meine Mitwanderer. Ganz anders. Denn sechs Tage sind eigentliche Durchschnittszeit, aber die meisten Leute versuchen, es in vier zu schaffen. Warum bleibt mir bis zum Schluß rätselhaft. Denn allein die vielen Berggipfel auf dem Weg, alle diese "Side-Trips" brauchen eigentlich viel, viel mehr Zeit, wenn man sich nicht gnaldenlos verausgaben will und eine der schönsten Wanderungen des gesamten Kontinents in eine Welt aus Muskelkater und Atemlosigkeit verwandeln möchte.

 

Meine Entscheidung heißt: 13 Tage. Das heißt auch, in meinem Rucksack steckt das Essen für diese ganze, lange Zeit. Dieses Gebilde auf meinem Rücken fühlt sich auf die Art genauso schwer an, wie in meiner Erinnerung. Damals hat es mich beim ersten Kletteranstieg gnadenlos nach hinten gezogen, immer schön der Schwerkraft folgend.

 

Und ich bin sehr, sehr neugierig, ob es mir diesmal genauso geht. Ich bin neugierig auf eine Welt, die ich so neu entdecke, als wäre ich niemals hier gewesen.

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