Tag 3 - Waterfall Valley zum Barn Bluff

ca. 5 Kilometer

3 Stunden

                                                                                       Fotos: Heike Würpel

Diesmal lockt mich der Berg. Früh am Morgen, alles ist noch kühl, frisch und wunderbar leicht, steige ich nach oben. Aber jeder Schritt erzählt mir auch davon, das mein Körper mit der Heilung beschäftigt ist und eigentlich ganz andere Dinge im Fokus hat, als Kopf und Willen. 

 

Der Weg führt zurück, fast eine Stunde bis zum Abzweig zum Barn Bluff. Der Ausblick ist wie eine Erlösung nach dem Tag im Tal. So anheimelnd und schützend das gestern auch war und so dringend nötig - mein Herz sehnt sich nach dieser Weite. Sie ist der Grund, warum ich hier bin. 

 

Aber des Zwiespalt geht weiter. Denn nach einem gut befestigten Stück Trail geht es jetzt über Stock und Stein, steil hinauf. Alles ist überwuchert und manchmal finde ich kaum einen Platz für meine Füße. Die Luft wird stickig. Der Morgen macht einem heißen Tag Platz und mein Schweiß hat Mühe, dem Körper die richtige Portion Kühlung zu verschaffen. Mein Finger pocht, ich bewege mich an der Grenze. An einer sehr feinen und sehr deutlichen Grenze zugleich. 

 

Der Fuß der Berges ruft mir alles wieder in die Erinnerung, was ich beim letzten Mal hier gefühlt habe. Jetzt würde das richtige Klettern beginnen. Ein Such- und Spürpfad. Typisch Australien. Typisch Neuseeland. Abenteuer und Waghalsigkeit für jeden europäisch geschulten Sinn. Hier eine Steinpyramide. Da noch eine. In den Alpen würde das schon als Klettersteig gelten. Und ich habe nur eine Hand.

 

Meine Schritte werden langsamer. Ich bleibe stehen. Nur Meter von den ersten großen Felsen entfernt. Der Berg ragt über mir auf und zum ersten Mal fragt eine Stimme in mir, warum ich überhaupt dort hinauf will. Warum steigen Menschen auf Berge? Warum ist der Gipfel immer irgendwo, wo man nur mit Anstrengung hinkommt? Was für ein Glaubenssatz schafft dieses Gefühl, niemals hoch genug zu sein? Was verführt zu dem Gedanken, das die beste Sicht immer dort ist, wo ich gerade nicht bin? Und was geschieht, wenn man oben ist? Ist dort wirklich Raum, den Blick zu geniessen? Oder fordern Wetter, Zeit oder die eigene Leistungsfähigkeit unerbittlich einen realtiv schnellen Abstieg?

 

Was für eine Einstellung ist stimmig? Was braucht es für mich für ein Gefühl, um wirklich richtig zu sein auf einem Gipfel?

 

Es braucht Frieden in mir. Es braucht das Gefühl, jederzeit umkehren zu können. Keinen Zwang zu spüren. Keinen inneren Antreiber, der mich weiter und weiter vorwärts peitscht gegen alle anderen Stimmen. Es braucht die Freiheit, diesen Berg nicht zu brauchen, um mich besser oder vollständiger oder leistungsfähiger zu fühlen als vorher. Es braucht Unabhängigkeit von jedem Wert- oder Wettbewerbsdenken. Und es braucht Einsamkeit und Stille. Wenn schon nicht um mich herum, dann auf jeden Fall in mir. Es braucht dieses Gefühl von kindlicher Neugierde und Entdeckerfreude. Rein. Pur und ohne jeden Hintergedanken. 

 

All das ist heute nicht in mir. Ich spüre die Antreiberstimme. Leise, aber erkennbar. Ich spüre einen Kampf in mir. Ruhebedürfnis, Heilungszeit und Leistungsdenken prallen aufeinander, reiben sich, knirschen und wollen allesamt gehört und befolgt werden. 

 

Brauche ich Barn Bluff, um mich wieder so frei zu fühlen, wie damals? Brauche ich den Berg, um zu wissen, wie gut ich bin und das ich jeden Gipfel besteigen kann? Brauche ich eine Bestätigung für das, was in mir steckt? Brauche ich den Blick auf die Wildnis, um den Duft der Unberührtheit zu atmen? Die Schönheit purer Natur zu liebkosen und mich zu fühlen, wie im Garten Eden? Brauche ich diesen Blick wirklich, um im Paradies zu sein?

 

Oder bin ich schon längst dort? Wird es nicht Zeit, das ich auf meine eigenen Worte höre? Der Himmel ist schon da. Jetzt und hier. Genau hier. Und genau jetzt. In der Blume zu meinen Füßen. In der Felsformation neben mir. Und in dem Blick, der sich schon lange wie ein herrlich luftiger Mantel um meine Schultern schmiegt. Es ist alles schon da. Ich brauche nicht mehr mit meinem Finger zu kämpfen und mich über jedes Limit zu pushen, um dort anzukommen. 

 

Jetzt ist die Entscheidung leicht. Ganz leicht. Ich drehe um. Setze mich auf die Felsen und schaue den Berg an. Er lächelt mir zu. Er möchte mit Achtung begangen werden. Nicht als Trophäe sondern als lebendiges Geschöpf. Er möchte mit Liebe berührt werden, nicht in der Anspannung der Hast. Er wünscht sich Präsenz und echte Anwesenheit. Kommunikation und wirkliche Verbindung. Genauso, wie jeder Mensch. Wenn das nicht da ist, gleicht jeder Gipfelsturm einer Vergewaltigung. Er tritt über die Grenzen eines Wesens, ohne es tatsächlich wahrzunehmen. Das werde ich niemals wieder tun.

 

Ich möchte diesen Augenblick jetzt einfach geniessen und in allen schimmernden Facetten atmen. Der Pfad hinunter ist ein Gedicht. Ich habe alle Muse, mir diese Miniaturlandschaften von Moosen anzuschauen. Ich kann jede Blüte in ihrer ganzen Pracht bewundern. Und ich habe endlich Zeit, um den weiten Horizont zu liebkosen. Der Berg winkt mir zu. Ich spüre die Freude. In mir, in ihm. Interessanterweise wird niemand heute den Gipfel besteigen. Niemand. Als hätte diese neue Energie alle potentiellen Eroberer abgeschreckt. Spannend....

 

Der Nachmittag vergeht mit Baden, Blutegelbegegnungen, Schreiben und Fotografieren. Wieder kommt ein neuer Schwung Menschen ins Tal. Wieder flirrt die gesamte Umgebung im Stimmengewirr und in reger Hast.

 

Es wäre schön, mich einfach nur unter diesen Baum zu setzen und ihnen zuzuschauen. Aber zwei Insektenarten machen mir das Leben schwer. Märzfliegen und Mücken. Die Letzteren stechen, die Ersteren versuchen gnadenlos jeden Tropfen Flüssigkeit auf der Haut zu erwischen. Auch die in den Augen, in Nasenlöchern oder auf den Lippen. Solange ich gaaaaaanz ruhig bleibe, geht es gerade so. Aber es ist schwierig es länger auszuhalten. Und in der Dämmerung wird es zu einer Zerreißprobe. 

 

Ich lasse es bald. Die kleine zweite Hütte, die mir in den letzten Tagen zusammen mir Bill, dem Zwölf-Tages-Wanderer eine Oase und Heimat geworden ist, haben heute vier Männer eingenommen. Sie sind laut und übergriffig. Ich möchte ihnen nicht lange nahe sein.

 

Und so krieche ich sehr, sehr früh in meinen Schlafsack, stopfe mir die altbewährten Ohrstöpsel über meinen Gehörsinn und schlafe tief und traumlos in den morgigen Wandertag hinein. 

Foto: Uschi Dreiucker / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Marco Schlüter / pixelio.de
Foto: Peter / pixelio.de
Foto: Andreas Hermsdorf / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de
Foto: Herbert Raschke / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Rolf Handke / pixelio.de
Foto: Susanne Richter / pixelio.de
Foto: roja48 / pixelio.de
Foto: Bernd Kasper / pixelio.de
Foto: Rudis-Fotoseite.de / pixelio.de
Foto: Peter A / pixelio.de
Foto: Carolin Daum / pixelio.de
Foto: Thomas Wiesendahl / pixelio.de
Foto: Uschi Dreiucker / pixelio.de
Foto: Bernd Kasper / pixelio.de
Foto: Gabi Schoenemann / pixelio.de
Foto: H.D. Volz - pixelio.de
Foto: hum / pixelio.de
Foto: Maren Beßler - pixelio.de
Foto: Rosel Eckstein / pixelio.de
Foto: Alexander Altmann / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de