Tag 8 - Kia Ora Hut zur Bert Nichols Hut (Windy Ridge)

10 Kilometer

Laufzeit 4-6 Stunden 

330 Meter Aufstieg, 320 Meter Abstieg

                                                                                         Fotos: Heike Würpel

Es ist wunderbar, so weit abseits, im Zelt zu schlafen. Wunderbar, die Stille zu geniessen, während die Energie des emsigen Aufbruchs nur in Fetzen zu mir dringt. Himmel, die Hütte kann so herrlich sein, am Morgen, wenn alle bereits gegangen sind. Ganz allein in diesen alten Holzbohlenwänden. Mit den Erinnerungen unzähliger Wanderungen gefüllt, die unsichtbar, aber deutlich fühlbar in jeder Faser gespeichert sind. Ich geniesse mein heißes Wasser, die beiden Müsliriegel zum Frühstück und das Bad im tiefen Frieden. Mehr brauche ich nicht, zum glücklich sein. 

 

Auch heute gibt es zwei Möglichkeiten, den Trail auszuweiten. Zwei Wasserfälle locken - jeder ca. eine Stunde Zusatzweg - mit steilem Auf und Ab. Ich habe noch nichts entschieden, aber ich liebe Wasserfälle über alles. In diesem Augenblick noch viel mehr, weil sich jedes Stückchen Haut auf meinem Körper nach einem Bad sehnt. Nach einem kühlen, frischen Pool aus klarem Wasser, in das ich bis zu den Haarspitzen eintauchen könnte. Ich werde sehen, was stimmt und aus dem Moment heraus entscheiden.

 

In mir ist Erleichterung als ich die weiten sumpfigen Flächen durchquert habe und der Wald mich umfängt. Die Vorsicht vor diesem traditionellen Schlangenland hat mich begleitet. Ich konnte die Wesen fühlen, aber nicht sehen. Noch eine Begegnung? Lieber nicht. Trotz aller Erkenntnisse sitzt das Gefühl unterschwelliger Angst tief in mir. Noch.

 

Ich weiß, es wird sich ändern. Ich könnte mir auch vorstellen, das es noch in Australien geschieht. Vielleicht am Uluru. Im Zentrum des Kontinents. Dem Ort der Regenbogenschlange, die ich schon Tage vorher deutlich fühlen konnte. Doch jetzt und hier geniesse ich den Wald. Den Schatten, die hohen Bäume und den himmlischen Duft des Eukalyptus.

 

Die alte, restaurierte Du Cane Hut in Sicht. Tiefer Frieden liegt über der Lichtung. Die Hütte steht windschief, der Boden ist schräg und beim Eintreten umfängt mich Dämmerung und der Geruch von Alter. Hier haben Menschen gelebt. Jäger. Weit entfernt von jeder Behausung, ganz auf sich allein gestellt. Alles, was sich hier nicht fangen oder anbauen ließ, musste über viele Kilometer auf dem Rücken hergetragen werden. Die Bilder erzählen von der Geschichte. Sie lassen die Menschen ganz plastisch werden. Zum Anfassen. Ihre Gesichter zeigen ein Lächeln, aber jede Lebenslinie erzählt von der Härte ihres Alltags.

 

Sie sind die Pioniere, die die weiße Seele Australiens geprägt haben, wie ein Goldstück. Es sind diese Menschen, mit denen sich Australier bis heute zutiefst identifizieren können. Die Einträge im Buch bestätigen dieses Gefühl in mir. 

 

Nur wenige Meter entfernt finde ich die einzige Wasserquelle im Umkreis. Sie tröpfelt nur vor sich hin. Es ist seit Tagen und Wochen viel zu trocken für diese Region. Und es dauert Ewigkeiten, bis meine beiden Trinkflaschen wieder neu gefüllt sind. Dabei wird mir der unendliche Wert des Wassers wieder ganz, ganz deutlich. Und ich spüre auch, wie sehr ich ein Wesen des Wassers bin. Alle Elemente leben in mir, aber Wasser, das ist meine Basis, mein Fundament und meine ureigenste Quelle des Seins. 

 

Ich möchte nicht gehen. Am liebsten würde ich in der Hütte bleiben. Ganz allein, in dieser Nacht und von den Geschichten der Vergangenheit trinken. Den Tönen der Nacht lauschen und den Geistern des Platzes begegnen. Meine Sinne können sich hier frei entfalten. Ich fühle diese Öffnung in mir wie einen Segen. Ein tiefes Ausatmen. Pure Entspannung der Seele. Aber dieser Ort ist nur für echte Notfälle reserviert und noch bin ich keiner. Oder doch?

 

Langsam gehe ich weiter. Langsam. Bewußt und ein bisschen traurig. Der Wald umhüllt mich wieder, ruhig. So ruhig und majestätisch. Bis das Stimmengewirr meiner Vorläufer hinüberschwappt. Eine große Gruppe sitzt munter und unglaublich lebendig am ersten Wasserfall-Abzweig. Sie sind so laut, das alles in mir zusammenzuckt und jeder Zeiger auf Flucht rückt. 

 

Nach all der Tiefe mit mir, ist das hier wie ein Schock. Würde es unten am Wasserfall anders sein? Sicher nicht. Denn auch dort sind Menschen. Und als ich höre, das es an dieser Stelle auch keine Bademöglichkeit gibt, ist mein Entschluss klar. Ich gehe weiter. Auch wenn ich dann diese Gruppe hinter mir habe und das wundervolle Gefühl eines freien Rückens verschwinden wird. 

 

Wenig später mache ich meine Pause. Zwischen hohen Buchenstämmen. Ich lege mich auf den weichen Rucksack und schaue hinauf in die Himmelskronen. Es ist ein wunderbarer Blickwinkel. Und - er ist bequemer als jede dieser harten Holzbänke in den Wanderhütten. In diesem Moment sogar bequemer als meine Iso-Matte im Zelt.

 

Die Gruppe tobt an mir vorbei, wie ein Regenschauer, der schnell wieder im Grün verschwindet. Alleinsein ist soooo herrlich. Es ist so ein Segen. Ich könnte nicht glücklicher sein als hier in diesem Augenblick inmitten meiner Freunde - der Bäume. 

 

Auch der zweite Wasserfall lockt mich nicht. Natürlich, dort ist die Gruppe jetzt. Ich möchte nur langsam, achtsam weiterlaufen und in meinem Frieden baden. Hinauf auf den letzten Pass des gesamten Trails. Du Cane Gap. Dort, wo die Markierungsscheibe des höchsten Punktes in einen Stein gepresst wurde, sitze ich und geniesse die Leckereien meines Rucksacks. Getrocknete Ananas. Getrockenete Mango. Ein paar Krümel von Tripple Chocholate Cookies. Yummy!

 

Es geht mir richtig gut. Diese Entscheidungen für die Stille haben mich unendlich gestärkt. Ich habe es tatsächlich geschafft, meinem eigenen Rhythmus treu zu bleiben. Das hier oben ist meine Feier für mich selbst. 

 

Und ich bleibe auch den ganzen Abend beim Feiern. Mein Zelt hat wieder einen stillen Platz gefunden und zum ersten Mal gibt es sogar ein richtiges Panoramarund mit angelegten Sitzplätzen samt Infotafel, um die grandiose Bergkulisse zu genießen. Ja, so kann es bleiben.

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