Obdachlos im eigenen Land 

Westaustraliens Aborigines-Politik

Der Verkehr auf der vierspurigen Straße lässt nicht die Spur einer Lücke. Auto um Auto zieht vorbei. Eilig, unnachgiebig, Tunnelblick. Die Zelte am Rand - auf dieser Insel im Fluss - übersieht fast jeder. Kein einziges dieser Autos findet den Weg auf den Seitenstreifen. Niemand biegt ab. Und fast keiner diese Millionen Menschen aus Perth weiß, wer hier, vor aller Augen, unsichtbar, lebt.

 

Was wäre, wenn sie es wüssten? Würde sich ihr Denken verwandeln? Ich weiß es nicht. Auch nach fünf Wochen im Land hat sich mein erster Eindruck weiter bestätigt. Australien kennt seine Wurzeln nicht. Und noch schlimmer. Es verachtet sie. Die Haltung der meisten weißen Australier zu den Eigentümern dieses Landes, in dessen Weiten sie seit 200 Jahren zu Gast sind, ist grauenvoll. Voller Vorurteile, Mißverständnisse und abgrundschwarzer Projektionen.

 

Dabei sind sie tatsächlich nicht mehr als ein ungebetener Gast. Sie haben sich eingeschlichen und dabei den rechtmäßigen Besitzer aus dem Haus vertrieben. Mit dem Gefühl grenzenloser Überlegenheit. Mit dem Gefühl, im Recht zu sein. Mit dem Gefühl, besser zu sein, als das, was hier schon war. 

 

Es kursieren so viele Meinungen über die Aborigines, wie es Menschen gibt. Aber ihr Tenor ist in der Regel sehr ähnlich. Aborigines sind minderwertig. Alkoholiker. Unzuverlässig. Raufbolde. Hässlich und nichts wert. Immer schwingt dabei ein mehr oder weniger unterdrücktes Schamgefühl mit und äußert sich in den verrücktesten Ausflüchten und Aussagen. Tief im Herzen aber wissen alle, wer die eigentliche Verantwortung für die heutige Situation trägt. Doch in diesen Spiegel wagen nur ganz, ganz wenige Menschen hier zu schauen. Denn sie würden ihr eigenes Gesicht erblicken. Und es ist kein schönes Gesicht.

 

Jetzt ist es an mir, den Kontakt zu suchen, eine Brücke zu bauen. Mich zu nähren und diese unsichtbare Mauer zwischen den Völkern zu überspringen. Ich überquere diese Straße, ich gehe auf den Seitenstreifen und ich finde meinen Weg - hinüber zu den Zelten, hinein in das Camp.

 

Zu den Aborigines. Zu diesen Menschen vom Stamm der Noongar, auf deren Land, Perth errichtet wurde. Sie hausen in Zelten, weil es keinen anderen Platz mehr gibt, an dem sie leben können. Die Stadt ist ihnen dabei nicht behilflich. Es fehlt an allem. Selbst am Wasser. Das wurde vor kurzem abgestellt. Nur eine einzige Quelle, ein Hahn muss jetzt für alle reichen. Es fehlt an Matratzen und Schlafsäcken. An all' dem, wofür Menschen niemals betteln sollten. Nirgendwo auf dieser Welt.

 

Die Noongar bleiben. Nicht nur, weil es ihr Land ist. Nicht nur, weil da kein anderer Ort ist. Sondern auch, aus Protest. Als lebendige Erinnerung, das die Weißen Australien nicht allein besitzen. Sie protestieren gegen die geplante Schließung und Vernichtung ihrer Gemeinschaften. Einhundertfünfzig Siedlungen,  verstreut in ganz Westaustralien. Bisher war der Boden, auf dem sie standen, wertlos. Jetzt funkelt darunter der lockende Profit von Uranium. Und die störenden Menschen müssen verschwinden. Ein Angebot der Regierung soll den Noongar-Entschädigung bieten.

 

Kenne ich die Geschichte nicht von irgendwo her? Aus der Geschichte Amerikas zum Beispiel. Ja, sie ist mir so vertraut, wie eine zweite Haut. Genauso vertraut, ist mir der lächerliche Preis, bei dem am Ende circa 50 Dollar pro Stammesangehörigem übrig bleiben. Dafür sind dann allerdings alle Rechte auf ihr Land Geschichte. Und nicht nur das. Es wäre auch ein Ausverkauf ihrer Seele und eine Vergewaltigung der Herzen. Denn Aborigines und ihr Land sind eins. Keine geteilten Wesen. Die Zerstörung der Erde ist die Zerstörung ihres Körpers. 

 

Jeder Weiße, der sich auch nur annährend mit der Kultur beschäftigt, die seit 120.000 Jahren auf dem Boden dieses Kontinents lebt, sollte das wissen. Allein so ein Angebot ist in meinen Augen pure Ingoranz und grenzenlose Beleidigung. Es ist die Mißachtung aller Werte und das Übertreten aller Grenzen. Es ist ein Angebot, das nur möglich ist, wenn man das Bild vom "Affen aus dem Busch" verinnerlicht hat. Vielleicht noch ein wenig mit Goldfarbe bepinselt, aber prinzipiell nicht wirklich verändert. Es ist ein Angebot, das denen der gefärbten Glaskettchen für Indianer nur zu sehr ähnelt. 

 

Dazu kommt, es ist nicht das erste Mal. Die Aborigines sind pausenlos betrogen worden. Besonders hier, in Westaustralien. Selbst um das wenige Geld, das ihnen das Gesetz zugesteht. 

 

Ich sehe in ihre Gesichter, ich fühle den Schmerz, die Ohnmacht und gleichzeitig diesen Funken an Widerstandswillen und erwachendes Selbstbewußtsein. 

 

Und zum ersten Mal sehe ich einen großen Kreis. Einen klaren Zusammenhang. Einen roten Faden. Dieser Zusammenprall der Kulturen ist ein Geschenk für beide Seiten. Die Aborigines können in diesem Sturm eine klare, starke und weitsichtige Identität aufbauen. Etwas, das nur möglich ist, wenn man mit dem kompletten Gegenteil des eigenen Wesens konfrontiert ist. Weil man sich nur in diesem Spiegel tiefer und umfassender erfahren kann als in jedem anderen Fall. 

 

Und die Weißen haben einen Schatz an Weisheit vor ihren Händen. Die älteste Kultur dieser Erde. Die einzige Kultur, die über 100.000 Jahre auf dem extremsten, lebensfeindlichsten Kontinent dieses Planeten überlebt hat. In einem einzigartigem Miteinander. In einer auf dieser Welt einmaligen Balance und Harmonie mit sich selbst und mit der Natur. 

 

Es ist eine Balance, die innerhalb der letzten 200 Jahre komplett gekippt ist. Australien steht an einem Scheideweg. Nur Milimeter entfernt vom Ausverkauf der eigenen Ressourcen. Nur Atemzüge von Dürre, Versalzung und Umweltkatastrophe. 

 

Hand in Hand - das wäre die Antwort. Es ist die einzige Antwort. Alles andere endet in einer Katastrophe. Im Moment fühle ich nur versteinerte Herzen bei den Politikern, die mit dem Bergwerkbetreibern zuküntige Gewinne zählen.

 

Aber die Aborgines werden bleiben. Auch wenn dieses Camp noch einmal abgesrissen wird. Mit Polizeigewalt. So, wie vor wenigen Jahren schon einmal. Sie werden auch weiter lachen und feiern. Sie sind stärker, als jede Ignoranz. Und ihre Kultur, sie lebt. Trotz aller Verfolgung und allen Methoden von systematischer Ausrottung.

 

Und - die Weißen - lernen. Sie lernen, die Menschen zu achten, die vor ihnen hier war. Sie lernen, zu sehen, zu lauschen und zu fühlen. Auch das habe ich überall gesehen. Dieses zarte, keimende Pflänzchen des Verstehens und Miteinanders, das die ersten Dosen Sonnenlicht tankt. 

 

Die Kulturen scheinen so verschieden zu sein. Die Begegnungen - ein Minenfeld aus möglichen Mißverständnissen. Es braucht unendlich viel Feingefühl. Aber vor allen Dingen braucht es eine Änderung im Denken. Auf beiden Seiten. Ein neues Selbstvertgefühl für die Noongar und all' die hunderten Aborginies-Stämme Australiens. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart für die Weißen. 

 

Dieses Camp in Perth ist eine offene Einladung. Die Schwelle, es zu betreten, mag auf den ersten Blick hoch scheinen, vor allem, wenn man als Weißer allein davor steht. Und es mag jede Menge Mühe kosten, eine wirkliche Verbindung zu schaffen. Von beiden Seiten. Denn sowenig ein Weißer all' die vielschichten Regeln des Stammes kennen kann, sowenig reagiert ein Noongar, wie die Weißen es gewohnt sind.

 

Jeder muss sich bewegen, für ein Miteinander. Jeder muss sich aufeinander zubewegen, sonst gibt es niemals echte Kommunikation. Und Kommunikation ist lebenswichtig. Es ist die einzige Chance. Nicht nur für die Noongar von Perth. Nicht nur für die Weißen in Western Australien. Sondern für diesen ganzen, großen Kontinent. 

 

Sonst werden sich am Ende alle als Obdachlose in irgendeinem Camp dieser Erde wiederfinden. Weil die Welt unbewohnbar geworden ist. 

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