Herzschlag eines Kontinents 

Im Zentrum der Stille

Fotos: Heike Würpel

Die Luft brennt in der Lunge. Jeder Atemzug verdampft unzählige Wassertropfen im blauen Himmel. Rotes Land schimmert in meinen Augen. Jeder Schritt ist ein Aufbegehren gegen den Wunsch aus der Sonne hinaus in den Schatten zu sinken. Den Drang in ein klimatisiertes Haus zu flüchten. Weg aus diesem Backofen.

 

Und gleichzeitig liebkosen meine Füsse diese Erde. Mein Herz ist so weit wieder der endlose Horizont. Ich liebe diesen Kontinent. Ich habe mich schon in der Luft in ihn verliebt. In die schimmernden Braun- und Rottöne. Die unberührte Weite. Die Vielfalt der Formen und die geschwungenden Linien ausgetrockneter Flussbetten. Ich sehe die Schönheit hinter dem unerbittlichen heißen Wüstenwind. Ich sehe einen Diamanten, funkelnd im glühenden Licht. Pures Feuer und dröhnende Stille. 

 

Uluru - der größte Monolith der Erde. Ein Wesen. Leuchtend in allen Ockerfarben dieser Welt. Unübersehbares Zentrum inmitten eines Ozeans aus Sand, Büschen und Dornen. Sein Herzschlag hat mich schon in Tasmanien erreicht. Ich konnte die Ruhe fühlen, lange bevor meine Hände den Stein berührt haben. 

 

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Er bleibt pure Gelassenheit, umgeben von einem einzigartigen Menschenzirkus. Hunderte kommen jeden Tag, zu festgelegten Zeiten. Früh am Morgen, spät am Abend. Pünktlich zum Sonnenauf- und  -untergang. Fünf Uhr beginnt sich die Lichterkette der Autos durch die Wüste zu bewegen. Zwanzig Kilometer vom Resort zum Fuß des Berges. Die Stille der Nacht ist in diesem Augenblick Geschichte. Aber alle suchen die Stille, die sie selbst mit den Motoren und ihren Stimmen zerlärmen.

 

Ich zähle allein zehn große Touristenbusse am festgelegten "besten" Ort, um das unglaubliche Lichtspiel des Felsens zu verfolgen. Das macht circa 400-500 Menschen. Sie versammeln sich auf einem Areal, das wenige hundert Quadratmeter groß ist. Sie drängen sich auf eine Plattform, die nur einen Bruchteil dieser Fläche zählt. Zusammen mit genausovielen individuellen Fahrern. Der Parkplatz ist voll. Die Wege sind voll. Und die Plattform quillt über. Drängeln. Stimmengewirr in allen Sprachen der Erde. Hektik.

 

Jeder will das beste Foto seines Lebens machen. Sich selbst und der Berg im schönsten Licht. Jeder will allein darauf zu sehen sein. Ein Ding der Unmöglichkeit im Getümmel. Es ist auch ein Ding der Unmöglichkeit, nicht in irgendeine andere Linse zu laufen und damit die Gemüter weiter zu erhitzen. 

 

Stille? Entfernte Erinnerung. Fühlen? Unmöglich. Erst eine Stunde später, als sich die Busse schon lange im Parademarsch zum nächsten Sammelpunkt begeben haben, um ihre hoch beworbenen kleinen, individuellen geführten Gruppen im einträchtigen Pulk aller anderen hoch beworbenen kleinen, individuellen, geführten Gruppen gesammelt wandern zu lassen (wo sollen sie auch sonst hin, es gibt ja nur diesen einen guten Wanderplatz für den Morgen), kann ich endlich mit allen Sinnen in diesen Ort eintauchen. 

 

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Der Wind lässt meine Haare tanzen. Die Luft ist jetzt - acht Uhr - schon so heiß, das Schatten und Klimaanlage nicht die schlechtesten Optionen sind. Aber der Zauber hält mich gefangen. Ich könnte ewig hier sitzen und den Berg betrachten. Es ist ein Verschmelzen mit der tiefen Stille meiner Seele. Ein Wissen um die Ruhe, Gelassenheit und Harmonie, die in mir lebt. Einen Punkt, den nichts und niemand jemals erschüttern kann. Einen Herzschlag, der nicht schneller wird, egal, was geschieht. Ein in mir, mit mir vollkommen im Reinen sein. Purer, tiefer Frieden. 

 

Langsamkeit ist das Gesetz hier draußen. Es geht gar nicht anders. Wer immer überquirlig ankommt, wird spätestens am Mittag eines Besseren belehrt. Langsam, achtsam, bedächtig. Das ist das Tempo, in das Uluru jeden zwingt. Die Klimaanlagen, Restaurants und Supermärkte können die Unerbittlichkeit dieser Forderung nur lau kaschieren. Vielleicht bleiben die meisten Menschen deshalb nur einen oder maximal zwei Tage hier. Länger könnten sie sich der Wucht der Forderung nicht widersetzen. Fünfzig Grad Lufttemperatur lassen sich nicht austricksen.

 

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Aber man kann vor ihnen fliehen. Zurück in die Swimmingpools der Ostküste. Zurück ans Meer. Zurück in die alles kaschierenden Wolkenkratzer von Sydney oder Melbourne. Zurück in eine Welt, die die Realität in einer kunstvoll hergestellten Theaterkulisse zum Schweigen bringt. Wegsperrt. Aus dem Blick verbannt. Auf das man das gewohnte Tempo der Flucht vor den eigenen Gedanken weiter aufrecht erhalten kann. Im endlosen Rennen an ein Ziel, das schon längst in unserem Inneren auf uns wartet.

 

Menschen schaffen es sogar, ihren Wettbewerb durch ganz Australien zu tragen. Mitten durch das Outback. Auf dem Fahrradsattel. Ich habe nie gehetztere Reisende erlebt, als diese Leute. Ihr Zeitplan ist so straff gespannt, wie ein gut funktionierendes Sonnensegel. Jeder Tritt ist berechnet. Jedes Gramm kalkuliert. Einhundertfünzig Kilometer fahren sie jeden Tag. Vollbepackt. Kämpfend. Sie werden den Herzschlag nicht hören. Sie wollen nur gewinnen. Gegen sich selbst. Da ist kein Raum für eine andere Weite. Da ist kein Platz für eine Botschaft. 

 

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Ich lausche meiner Seele. Ich höre auf mein Herz. Ich atme in der Stille. Uluru lehrt mich Gelassenheit. Er lehrt mich die Gewissheit, das die gleiche unerschütterliche Kraft auch in mir lebt. Ich bin ein Felsen im Ozean. Ich bleibe ein Felsen im Ozean. Egal in welchem Sturm.

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