Wie Lernen funktioniert 

Eine portugiesische Berg- und Talfahrt

Ich liebe Sprachen. Ich liebe sie über alles. Sie erzählen mir in jeder Nuance eine Geschichte. Sie lassen mich fühlen und erleben, wie die Menschen empfinden, die in ihr zu Hause sind. Im Aufbau eines Satzes spiegelt sich die komplette Seele eines Volkes. Ihr Denken, ihr Herz, alles liegt offen vor mir, wenn ich die Worte höre und sie in meinem Mund bewegen kann. Fülle oder Nüchternheit? Überschwenglichkeit oder gesittete Formen? 

 

Portugiesisch ist pure Fülle. Es gibt keine Sprache dieser Welt, die mehr Verben benutzt. Für jede, wirklich jede einzelne Handlung haben die Portugiesen einen eigenen Begriff. Genauso kontrast- und farbenreich sind die anderen Worte. Diese Vielfalt kann wie eine riesige Welle über mich hineinbrechen und mich verzweifelt nach Luft schnappen lassen. Sie kann mich auch voller Freude schwimmen lassen, wie ein munterer Delfin. Es kommt auf mich an. Und es kommt darauf an, wie und mit wem ich lerne.

 

In der letzten Woche hier, im Portugiesisch-Unterricht, bin ich von höchsten Höhen in tiefste Tiefen geschlittert. Meine Freude am Lernen wurde fast abgewürgt. Und das ist ziemlich schwierig, bei der Offenheit und Erfüllung, die Sprachen für mich bedeuten. 

 

Was ist passiert? Zuerst habe ich erlebt, das ich die Menschen hier tatsächlich verstehe. Die Winterpause und das innere Verarbeiten dessen, was ich im September hier gelernt habe, hat funktioniert. Heimlich, still und leise haben meine Ohren sich an die Laute geschmiegt und tanzen jetzt fröhlich mit ihnen im Kreis. Ich kann sogar Bücher lesen, mit Wörterbuch, und in den wundervollen Formen schwelgen, die da vor mir auftauchen.

 

Ich wäre glücklich gewesen, hätte ich nur einfach dort weitermachen können. Aber, es gab diesen Unterricht. Es gab drei Stunden am Tag mit einer Portugiesin, die mir eigentlich helfen sollte, ihre Sprache zu verstehen. 

 

Soweit, so gut. Aber, diese Portugiesin war absolut waschecht. Und das heißt in der Regel: überschwenglich, laut und so energiegeladen, das für jemanden Anderen oder andere Bedürfnisse kein Raum bleibt. Sie war einer dieser Menschen, die einfach nicht zuhören oder sich einfühlen können. Für eine Lehrerin ist das in meinen Augen ein absolutes k.o.-Kriterium. Wie kann ich jemanden unterrichten, wenn ich nicht spüre, was derjenige wirklich braucht? Wie kann ich jemanden für meine Sprache begeistern, wenn meine Lautstärke allein plus die Fülle meiner Worte alle Anderen im Raum übertönt? Wie kann ich meine Schüler fühlen, wenn ich nur mich selbst höre?

 

Sie hätte gern mit uns geredet. Sie hat alles versucht, uns aus der Reserve zu locken, aber ihre Art hat das Gegenteil bewirkt. Jeder von uns hat sich auf irgendeine Art in seiner Muschelschale verkrochen. Mir ihr reden ging nur, wenn ich mit ihrem Tempo und ihrer Lautstärke mitging. Und das ist kaum möglich. Ich habe noch andere Lehrer dieser Schule kennengelernt, auf den Ausflügen in die Museen und Kirchen von Lissabon. Allesamt sind sie nette, wunderbare, fröhliche, enthusiastische, liebe Sonnenschein. Aber ihre Sonne wärmt nicht, sie verbrennt. 

 

Nach diesen fünf ersten Unterrichts-Tagen brauchte ich am Wochenende eine komplette Portugiesisch-Pause. Ich wollte kein Wort mehr hören. Gar keines. Oder nur gaaaaaaanz leicht dosiert. Es war eine Wohltat, englische Sendungen im Fernsehen zu sehen. Es war eine Wohltat weder zu hören, noch zu sprechen und nur allein in der herrlichen Natur rund um Lissabon zu wandern. Endlich, endlich Stille! Endlich Raum für meine Gedanken. Endlich kann ich mich wieder fühlen und hören! Mich! Nicht die Lehrerin!

 

Ich war so dünnhäutig nach diesen Tagen, das mich jedes etwas lautere Wort auf die Palme getrieben hat. Und ehrlich - es gibt jede Menge laute Worte in einer Großstadt! Mich hat alles genervt. Jedes laute Hupen, jedes Lachen, jedes überlaute Gespräch. Warum nur müssen die Menschen sich so anschreien? Warum können sie nicht in normaler Lauststärke reden? Warum hat hier jeder Angst, nicht gehört zu werden, wenn er nicht ordentlich Krach macht?

 

Für mich vergewaltigen Menschen ihre Sprache, wenn sie nur noch schreiend miteinander kommunizieren können. Es tut mir weh. Es tut so unendlich weh, das zu erleben. Vor allem mit einer Sprache, die so viele Nuancen hat. So viel Schönheit und soviel Tiefe. 

 

Ein Gedicht von Fernando Pessoa, zum Beispiel, ist eine Offenbarung an Konjunktionen. So sehr habe ich Grammatik nie geliebt, wie hier. Aber es braucht die Stille des Überlegens. Den Raum für's Denken. Die Momente des Innehaltens, um wirklich zu verstehen, was die Präpositionen für Wendungen zaubern. Ich will diesen Raum. Ich brauche ihn, weil ich nur so die Tiefe diese Sprache erfassen kann. Dort ist für mich die Seele versteckt. Dort liegt sie. Kein Lehrer hat mich bisher danach gefragt. Keiner. Auch in dieser Woche nicht. Obwohl ich jetzt, im Einzelunterricht sehr viel mehr bei mir selbst bin, als vorher. 

 

Ich brauche einen Lehrer, der mir den Raum für mich selbst geben kann. Der mich dabei unterstützt, mich zu entfalten. Die Worte in meinem Inneren ans Licht zu bringen. Die Laute, die geboren werden wollen, in diese Welt zu helfen. Ich brauche niemanden, der mir sein Inneres überstülpt. Ich will keine fremden Erfahrunge, Gedanken und Überzeugungen widerkäuen. Ich habe Eigene. Ich weiß, was ich will. Ich weiß sogar, wie ich am besten lerne. Es ist bei Weitem nicht die erste Sprache meines Lebens. Ich habe jede Menge Erfahrung darin, wie ich mit Freude, Leichtigkeit und Beschwingtheit weiterkomme. Ich brauche dabei nur Unterstützung. Das ist alles. 

 

Es gibt wenige Lehrer, die in der Lage sind, dem Schüler zu vertrauen. Es gibt wenige Lehrer, die von ihren Vorstellungen loslassen können und wirklich in die Unterstützerrolle hineinwachsen, statt dem Ganzen ihr eigenes Gepräge geben zu müssen. Es gibt wenige Lehrer, die sich von einem strikten Lehrbuchregime lösen können, um den Wissbegierigen vor ihnen das zu geben, was sie wirklich brauchen. Raum, um zu fliegen. Raum, um die eigenen Flügel zu benutzen. Raum und vor allem Vertrauen in sich selbst. 

 

Diese erste Woche habe ich mir mein Vertrauen fast zertreten lassen. Vom ersten Hoch, als ich hierherkam, bin ich in die tiefsten Tiefen abgestürzt. Jetzt ist das Vertrauen neu geboren worden. Ich weiß, was ich kann. Ich weiß, was in mir gewachsen ist. Und die Worte fließen mit Leichtigkeit aus mir heraus. Mal mehr, mal weniger perfekt. Aber sie fließen. Ich habe keine Angst zu sprechen. Und  ich verstehe alles, was es braucht. Und wenn nicht, dann frage ich mein Wörterbuch. 

 

Lernen ist so einfach. So unendlich einfach. Es ist in mir. Es war immer da. Es ist pure Freude und Begeisterung. Als Lehrer habe ich, in meinen Augen, nur einen ganz wichtigen Job - diese Freude und Begeisterung zu schüren und nicht mit fremden Vorstellungen, Regeln oder Leistungsanforderungen zu zertreten. Es ist mein Feuer und es wünscht sich frischen Wind um höher zu lodern, als ich es jemals für nötig gehalten hätte. Gibt es niemanden dort draußen, der das versteht?

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