Gefühlssturm Deutschland

Ich sehe dich

Alles ist anders. Intensiver. Heftiger. Die Menschen um mich herum sind noch viel tiefer in ihrer eigenen Welt versunken, als ich es je für möglich gehalten hätte. Es erschreckt mich, zu fühlen, wie normal der Wahnsinn für sie alle geworden ist. Es erschreckt mich, ihr Leben zu sehen. Wenn ich mit ihnen manchmal morgens im Zug nach Berlin oder Potsdam sitze, ihnen beim Schlafen zusehe - oder am Abend, wenn sie nervös mit den Beinen zuckend lesen oder mit müden Augen aus den Fenstern sehen, erschöpft von einem endlosen Tag im Büro, dann bin ich sprachlos. Wie kann irgend jemand glauben, das das Leben so sein müsste? Wie können alle diese wunderbaren Wesen davon überzeugt sein, das sie nur dazu in der Welt sind, um tagein tagaus auf eine Arbeit zu hetzen, die sie zum größten Teil nur wegen des Geldverdienens machen? Wie ist es möglich, das das Jeder für normal oder zumindest für "nicht zu ändern" hält? 

 

Ich sehe meine Freunde. Diesen Winter könnten wir uns ganz nah sein. Könnten. Aber wir sind weiter voneinander entfernt als vor einem Jahr. Da, wo jeder von uns an einem anderen Ende der Welt lebte. Ihr Tag ist vollgepackt. Vom ersten Blinzeln am Morgen bis zum müden in die Federn sinken. Da ist kein Raum für Begegnung. Und wenn doch das Wunder geschieht, dann nur eng begrenzt, streng reglementiert und minutiös durchgeplant. Zu zahlreich sind ihre Termine und Verpflichtungen. Zu heftig die Ängste, nicht über die Runden zu kommen. Zu groß der Druck, der auf ihren Schultern liegt. 

 

Wie anders sieht mein Tag aus. Einen Wecker? Die Sonne kitzelt mich wach oder mein Gefühl sagt mir, wann ich heute aufstehen will. Ein Spaziergang, weil das Licht dort draußen so schön ist? Ja! Hinunter zur Havel, durch diese weite Wiesenlandschaft mit dem endlosen Himmel. Ich schaue den Wolken nach und fühle den Wind auf der Haut, ich lache in den Morgen und lausche den Gänsen, die in V-Formationen gen Süden ziehen. Ich sitze am Flußufer und folge dem Wellentanz und der Strömung. Das Wasser fließt so ruhig dahin, wie mein Herz schlägt. Stetig, friedlich. 

 

Ich folge nur meinem Gefühl, in jedem Augenblick. Es gibt keine Verpflichtung, gar keine. Dafür unendliche Freiheit. Es liegt ganz bei mir, was ich in diesem Moment tun möchte? Sind die Gedanken klar genug für die nächsten Seiten meines Buches? Oder möchte noch ein Knoten gelöst werden, ist ein Prozess in mir noch nicht zu Ende geköchelt? Ist da Raum für meine Webseite? Die Weiterentwicklung meiner künftigen Seminarreisen? Oder spüre ich eher die Lust, einer wunderbaren Sprache zu folgen. Arabisch. Schwedisch. Japanisch. Griechisch. Gälisch. Französisch. Oder mein geliebtes Portugiesisch? Möchte ich weiter in der englischen oder französischen Geschichte graben, diese Biographie von Karl dem Großen lesen oder doch lieber in die Vergangenheit von Byzanz eintauchen? Habe ich Lust auf einen Film? Lust zu Kochen? Lust auf's Fitnessstudio? Radeln? Yoga? Oder möchte ich einfach nur da sitzen und der Stille lauschen und warten auf alles das, was aus meinem Inneren aufsteigen möchte? Lockt mich mein Tagebuch? Lockt das kuschlige Bett, die mit Blubberblasen gefüllte Badewanne? Ist es Zeit zum Träumen? 

 

Ich bin so glücklich mit meiner Freiheit, so glücklich mit diesen Wintertagen. Und es stürzt mich in einen Abgrund voller Schmerz, wenn ich diese vollgepackten Leben der Menschen um mich herum fühle. Diese Welt ist so unglaublich schön, aber niemand sieht es. Der Sonnenuntergang heute war ein Gedicht, aber ich war allein damit. Der Fast-Vollmond vorgestern hat mir den Atem geraubt, hat das noch jemand so gefühlt? 

 

Wo seid ihr alle? Wie kann ich euch begegnen? Wann seid ihr wirklich da und denkt nicht an den nächsten Termin oder Dinge, die sich noch auf eurem Schreibtisch stapeln?  Ich vermisse euch. Ich vermisse euer Lachen, eure pure Präsenz. Ich vermisse den unbekümmerten Fluss unserer Gespräche und die Tiefe, die unserer Gespräche immer begleitet hat. Ich vermisse euch, meine Freunde und ich vermisse euch, ihr unbekannten Menschen im Zug. Es wäre so schön, wenn wir uns in die Augen sehen könnten und dieser Moment zur Ewigkeit würde. 

 

Ich höre nicht auf, danach Ausschau zu halten. Ich höre nicht auf, zu warten. Ich höre nicht auf, zu träumen. Und ich höre nicht auf, daran zu glauben.

 

 

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