Tag 2 - Von Ascherbrück zur Tanzbuche

Gehzeit - Mein Tempo, weiter gemächlich

16,3 Kilometer plus 1,5 km zur Tanzbuch

ca. 450 Hm aufwärts, ca. 200 Hm abwärts

 

      Fotos: Heike Würpel

Ich geniesse - es ist ein traumhafter Morgen. Früh gehe ich los, durch den Nebelwald. Alles ist verwunschen um mich herum, verkleidet, in ein weiches, weißes Kleid, das alle Konturen und alle Gewissheit verwischt.

 

Das Telefonat, das ich heute führe, von dieser kleinen Hütte am Wegesrand, zieht mit den Boden unter den Füssen weg. Auch da schwindet eine Gewissheit. Es geht um etwas ganz Simples - die Einsatzplanung für das kommende Jahr. Meine Gruppen, meine Reiseleitungen. Meine Wünsche und die Realität dieser Welt, die konträr aufeinanderkrachen wie verfeindete Armeen. 

 

Es gibt keinen Weg, meine Wünsche mit den freien Terminen in Übereinklang zu bringen. Es gibt keinen gangbaren Weg, dorthin zu gehen, wohin mein Herz mich eigentlich ruft im nächsten Jahr. Es gibt auch keinen Weg, außerhalb von Europa zu arbeiten. Wohin ich mich auch wende, ich stoße auf eine Mauer.

 

Mein Kollege am anderen Ende der Leitung versucht sein Bestes. Er ist eingeklemmt zwischen den wirtschaftlichen Unternehmensinteressen, die möglichst kostensparende Einsätze im Auge haben und den fühlbaren Wünschen der Reiseleiter. Wünschen nach Vielfalt und Abwechslung. Das Unternehmem ist eingeklemmt in einer Wirtschaft, in der die Menschen nach genau diesen Kosten schauen und ihre Entscheidungen treffen. Geld. Gewinn. Dem muss sich alles andere unterordnen. 

 

Was haben wir da für ein System geschaffen? Wieso sind wir Menschen diejenigen, die sich einem vorgegebenen Rahmen anpassen müssen. Warum dienen wir dem System, wo das System doch erfunden wurde, um uns zu dienen? Wozu ist das Ganze gut, wenn es verhindert, das Menschen ihrem inneren Ruf folgen können. Was hat es für einen Nutzen, wenn ich etwas tue, was ich eigentlich gar nicht will? 

 

Was soll dieser Wettbewerb, dem sich alles Handeln blind unterordnet? Ein Wettbewerb, bei dem nur der zählt, der besser, schneller, mehr, größer ist, als jeder Andere. Die ganze Welt folgt dieser Devise. Alle machen es so. Alle. 

 

Ich habe davon geträumt, das es hier anders ist. Aber das Telefonat hat mich aufgeweckt. 

 

Ich glaube nicht an diesen Wettbewerb. Ich glaube nicht an diese Welt. Ich glaube daran, das jedes System den Menschen dienen muss und nicht umgekehrt. Ich glaube nicht daran, das mehr Gewinn irgend etwas über die Qualität oder Leistung aussagt. Mehr Geld in der Tasche heißt nicht, das jemand mehr wert ist. Ich werde auch nicht mehr darauf warten oder hoffen, das das dort draußen irgend jemand ähnliche Gedanken hegt und sie umsetzt. Ich bin diejenige, die das tun muss. Es ist wie ein Weckruf, ein Aufruf des Lebens, meine Ideale, meinen Glauben wirklich zu leben. In einer Welt, die das genaue Gegenteil zum Gesetz erhoben hat. 

 

Diese Gedanken begleiten mich über den Tag, über alle Tage und weit darüber hinaus. Das, was dieses Gespräch auslöst, ist ein Neubeginn in mir. Und wie auf Kommando, schenkt mir den Himmel kurz darauf Sonnenschein und weite Ausblicke. Für kurze Zeit. Denn so klar die Schlüsse auch sind, mein Inneres, mein Verstand und mein Körper haben einiges zu tun, um den Erkenntnissen der Seele zu folgen und alles über Bord zu werfen, was bisher normal war.

 

Der Inselsberg mit Antenne und häßlichen Aufbauten rauscht vorbei. Wenig später bin ich unendlich froh, nicht an der Grenzwiese zu übernachten, weil sich dort wieder Straßen kreuzen und von Stille oder Schönheit nicht viel übrig geblieben ist.

 

Die Tanzbuche liegt 1,5 Kilometer vom Rennsteig entfernt. Ein echtes Hotel mit einer Ausstattung, die ich weder nutze noch benötige. Das Schwimmbad stört mich. Weil die dazu gehörigen Maschinen durch die Nacht summen und verhindern, das ich das Fenster offen lassen kann.

 

Ich esse mehr, als ich brauche, aber heute muss eine Betäubung sein, sonst würde es mich zerreißen. Denn sobald ich mit dem Laufen aufhöre, kommen die Gedanken an alles, was heute geschehen ist mit voller Wucht. Sie wirbeln herum, zerren an mir und zwingen mich zum Hinsehen. 

 

Was für ein Tag. Was für eine Nacht....

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