Korfu-Trail und Ouranos Club 

Innenansichten

Fotos: Heike Würpel

Der Flug ist ein Schock. Pauschaltourismus vom Feinsten - eine ganze Maschine voll davon. Neben mir eine Mutter mit ihrer Tochter, laut, fröhlich in purer Urlaubslaune. So schön es für sie ist, ich habe nach drei Stunden Kopfschmerzen. Das Gewimmel am Flughafen macht es nicht besser und die anderthalbstündige Fahrt hinüber nach Agios Stefanos zu meinen ersten Tagen im Ouranos-Club auch nicht.

 

Eine Kurve jagt die Andere, mein Magen schlägt Purzelbäume, die Landschaft fliegt vorbei und ich muss mich konzentrieren, um nicht vollkommen zusammenzubrechen. Kurz bevor ich ankomme, ist mir so schlecht, das ich im Gras knie und mir die Seele aus dem Körper würgen möchte. 

 

Bloß gut, das ich mir diese vier Tage gönne, bevor meine Gruppe ankommt. Zeit nur für mich. Übergang von den Azoren in eine ganz andere Welt. Ins Licht von Griechenland.

 

Aber auch hier holt mich eine Realität ein, die mir so fremd ist, wie ein anderes Universum. 

 

Es ist die zweite Nacht. Ich wohne neben einem Café, das mit seinem weiten Blick über die Bucht von Arillas ein wundervoller Platz sein könnte. Wären da nicht die Begleiterscheinungen. Lärm. Eine Seminargruppe feiert. Offener Raum, freier Schall in alle Himmelsrichtungen. Ich habe tief geschlafen, als mich laut gegrölte ABBA-Songs aufwecken. Irgendwann nachts um zwei. Um zwei? In mir kocht es und nach einigen Minuten Zögern und Überlegen hält mich nichts mehr. Mit dem ganzen Feuer der Wut im Bauch stürme ich die wenigen Schritte hinüber und brülle Jeden und alles Zusammen. Den süßen und leider auch hilflosen Besitzer, die weintrunkenen Seminarleute. Sie verziehen sich von der Tanzfläche. Meine Furienenergie lässt alle zurückweichen. Ich habe mich selbst noch nie so erlebt, aber ich habe auch noch nie soviel blanke Rücksichtslosigkeit erlebt.

 

Am nächsten Morgen im Club erfahre ich, das das kein Einzelfall ist. Die Seminargruppen dieses einen Leiters sind bekannt dafür. Er unterstützt es sogar beredet, schließlich geht es in seinem Seminar um die Freiheit sich selbst zu leben. Das das auf Kosten aller Anderen geht, spielt keine Rolle. Das ist keine Freiheit. Das ist Arroganz und himmelschreiender Egoismus in vollster Blüte. Ich könnte diesen Möchtegern-Guru in der Luft zerreißen und bin fassunglos darüber, das alle um ihn herum kuschen. Der Cafébesitzer, dem auch der Seminarraum gehört braucht das Geld. Die Anwohner lassen sich sowieso nicht blicken. Die Leute vom Ouranos-Club möchten sich mit Cafébesitzer und Guru gut stellen, weil sie nur so den Seminarraum mitnutzen können. Das Schweigen jedes Einzelnen schafft den Raum dafür, das ihnen der Seminarleiter und seine Gruppen auf dem Kopf herumtanzen und ihre eigenen Gäste vergraulen. Es ist ein Paradestück dafür, wie soviele Katastrophen der Weltgeschichte einmal begonnen haben. Mit stillschweigender Duldung. Aus Angst.

 

Ich zumindest finde meinen Weg. Umziehen, weit weg. Und reden - mit den Leuten vom Club. Ich sammle Eindrücke, erzähle von meinen Gefühlen und meiner Fassungslosigkeit über ihr Verhalten und höre nicht auf mit dem Kopf zu schütteln. Nur den Guru, dem begegne ich nicht. Immer wenn ich einen Anlauf nehme, ist er nicht da. Seine Gruppe hat mich sowieso im Blickfeld. Für sie bin ich jetzt ein rotes Tuch. Sei's drum... 

 

Dafür weiß ich jetzt, was für ein Feuer in mir steckt. Und das da keine Angst existiert, um meine Stimme zu erheben und das ist ein geniales Gefühl.

 

Es gibt noch andere Querelen im Paradies. Gerade hier in Arillas und Agios Stefanos. Gerade im Ouranos Club, wo es doch eigentlich ganz anders sein sollte. Mittlerweile haben sich drei spirituelle Clubs in den beiden Buchten angesiedelt, alle mehr oder weniger aus der Osho-Tradition heraus entstanden und alle mit einem vollen Seminarprogramm und vielen Einzelgästen.

 

Die Sehnsucht der Menschen nach einer anderen Art des Urlaubs ist groß. Aber die Leiter der Clubs sind keine Engel. Sie kämpfen ihre eigenen Schlachten untereinander aus. Da gibt es Trennungen und unfeines Gerangel um die gleichen Gäste. Es ist fast unmöglich, aus dem Schlammtopf an Gerüchten und Gegengerüchten eine eigene Version der Wahrheit zu finden. Fest steht nur - die reale Welt ist hier genauso zu Hause wie überall sonst. Der Schönheit rundherum tut das keinen Abbruch, aber für mich rückt es einige Traumansichten in eine völlig neue Perspektive. 

 

Nach diesen ersten turbulenten Tagen ist es pure Erholung meine Gruppe über den Korfu-Trail zu fühlen. Der Frühling auf der Insel ist total neu für mich. Blütenpracht, duftende Blumenteppich in Olivenhainen und dieses wundervolle klare, leuchtende, magische Licht verzaubern mich vollkommen. 

 

Alle Konturen sind so scharf, wie frisch gewetzte Messerschneiden, die Kontraste springen in die Augen, aber sie tun nicht weh. Im Gegenteil, sie lassen die Welt einfach neu erstehen. Und mich selbst mit. Ich habe mich noch nie so sehr geliebt, wie hier. Ungeachtet der Dellen an den Oberschenkeln und der Formen, die mich zu Hause vor dem Spiegel immer verzweifeln lassen. Alles ist richtig unter diesem Himmel.

 

Selbst meine Blasen. Schon am ersten Tag schaffe ich es, mir die Füße wieder aufzureiben. Beide. Jeder Schritt wird zur Herausforderung. Die Schmerzen verändern den Fokus vollkommen. Aber ich lerne auf diesen vielen, vielen Kilometern sie zu einem Teil von mir zu machen. Ohne Kampf. Und laufe, laufe, laufe.... immer weiter. Bis zum Ende. Ich wußte nicht, das ich das kann. Ich hatte keine Ahnung von meiner Kraft und meinen Willen. 

 

In diesen drei Wochen in Griechenland habe ich alles gekostet. Und bin wie neugeboren....

 

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