Die Schätze der Loire 

Vergangenheit neu betrachtet

Fotos: Heike Würpel

Ich liebe diese Schätze. Diese wundervollen Gärten - geformt als ein Gesamtkunstwerk und verziert mit prachtvollen Blüten des Herbstes. Die verschnörkelten, filigranen Verzierungen der Treppenflure und Kaminsimse. Die Gemälde. Elfeinbeineinlegearbeiten, die von einem Können zeugen, das ich heute schmerzlich vermisse. Und die Schlösser. Steingewordene Träume von Königen, Fürsten, Herzögen, Finanzministern. Von all' denen, die Geld hatten in der Zeit, als die Loire das getriebige, festverwöhnte Zentrum Frankreichs war. 

 

Und ich liebe die Geschichte. Die Geschichte hinter der Geschichte. Die Gesichter hinter den prunkvollen Masken und mannigfaltigen Biographien. Die Menschen mit ihren Ängsten, ihren Wünschen, ihren Leben. Den Herausforderungen, denen sie auf ihre ganz eigene Art begegnet sind. Es ist ein riesiger Bogen, der sich durch die Zeiten spannt und alles miteinander verwebt. Untrennbar und so klar, wie ein Tautropfen am Morgen. 

 

Besonders die großen Frauengestalten begleiten mich. Allen voran: Eleonor von Aquitanien, die Frau des französischen und des englischen Königs, die ihr ganz eigenes Leben geführt und durchgesetzt hat. Die Frau, die am Kreuzug teilnahm - eine undenkbare Handlung für ein weibliches Wesen im 12. Jahrhundert. Sie ist ein Freigeist und ein leuchtendes Vorbild für die in jeder Frau steckt, selbst unter widrigsten Umständen. Sie hat die Geschichte bestimmt, sie hat ihr eigenes Leben bestimmt. Und sie hat die Männer überlebt, die ihr Fesseln anlegen wollten. Diejenigen, die sie zähmen wollten. Heute kennen wir sie meist nur als Mutter von Richard Löwenherz, wenn überhaupt. Das sehe ich auch an der Gesichter meiner Gäste, als wir durch die Abtei von Fontevraud gehen, in der sie begraben liegt. Und es macht mir riesige Freude, ihr Bild zurechtzurücken. Zu einer Geschichte, die von Frauen und Männern geschrieben wurde. 

 

So ist es auch mit dem ewigen Konflikt zwischen Katharina von Medici und Diane de Poitiers. Katharina,  Mutter von drei Königen und zur ewig dunklen intriganten Gestalt zurechgeschrumpft, die in die offizielle Geschichtsschreibung passt. Diane, die Geliebte des Ehemannes von Katharina dagegen kennen die Bücher nur als Lichtgestalt. Die Wirklichkeit, die ich zwischen den Zeilen lese, sah vollkommen anders aus. Und sie erzählt eine Geschichte, die sich seither in unzähligen Versionen wiederholt hat. Ehefrau wird beseite gestellt und Ehemann vergnügt sich mit einer schönen, jungen Variante im Bett, überhäuft sie mit Schätzen und Titeln und vergißt darüber jede Achtung und jedes Maß. Ich möchte die Ehefrau sehen, die ruhig daneben stehen könnte. Auch heute. 

 

Für mich ist das Hinterfragen unserer Geschichte essentiell. Bücher sind aus dem Blickwinkel von Menschen geschrieben worden. Geschichte wurde von den Siegern geformt. Unser Bild in die Vergangenheit ist fehlerhaft und äußerst variabel, je nachdem, wer die Position des Betrachters einnimmt. Das zu verstehen und sich im Dschungel der Meinungen und "Gewissheiten" eine eigene, neue, unabhängigere Vergangenheit zu erschaffen, das ist mir ein Anliegen. Ich habe kein Interesse daran, mit den Wölfen zu heulen. Ich habe auch kein Interesse daran, Jahreszahlen nachzuhecheln und die großen Zusammenhänge außer Acht zu lasssen. Ich möchte fühlen, wie sich das Leben auf dieser Erde enfaltet hat und welche Spielarten es gab. Ich möchte verstehen und verbinden, was zusammen gehört. Und ich möchte aus der Vergangenheit lernen, um die Gegenwart zu verstehen und eine andere Zukunft zu formen.

 

Deshalb sind mir diese Studienreiseleitungen so wichtig. Sie geben mir den Raum zum Eintauchen. Tiefer und tiefer. Und sie geben mir die Chance, weiterzugeben, das das eigene Gefühl der zuverlässigste Kompass durch das Leben ist. Gestern. Heute und Morgen.

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