Geheimnisvolles Land 

 Nicht ist so, wie es scheint

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Schweden scheint ganz einfach zu begreifen sein. Ein Land der Bauern. Ein Königshaus. Eine Hauptstadt. Und jede Menge Wälder, Seen und Mücken. Heile Welt. So sollte Deutschland sein, wenn wir es nur anders gemacht hätten. Und viele Deutsche zieht es auch hier hoch. Besonders aus der ehemaligen DDR. Weil das Sozialsystem wirklich so scheint, wie wir es uns immer gewünscht, aber nie hinbekommen haben. Weil die Menschen sich hier als Gemeinschaft begreifen und verstehen. Weil die Gleichberechtigung von Männern und Frauen nicht nur auf dem Papier steht sondern gelebte und vor allem selbstverständliche Wirklichkeit ist. 

 

Hier sind Männer, die sich um ihre Babies kümmern keine Ausnahme. Im Gegenteil. Ich bin die Einzige, die sie voll Staunen betrachtet. Nicht, weil ich so etwas nicht auch aus Deutschland kenne, aber hier ist es einfach so unglaublich normal, das mir die Worte fehlen. 

 

Schweden ist auch das Land, in dem die Computerisierung, Kreditkartenverwendung und Handydichte wohl bei 100% liegen muss. Es ist kein Problem, im Zug für ein Wasser mit Karte zu zahlen. Auch wenn das vielleicht nur 2 Euro umgerechnet kostet. Ausgedruckte Fahrkarten im Zug kommen so gut wie gar nicht vor. Alle zeigen ihr Handy samt Code vor. Fertig. Ich bin definitiv ein bunter und vom Austerben bedrohter Vogel mit meinem Papierticket. Und auch sonst scheinen Ausdrucke überhaupt nicht mehr im Trend zu liegen. Es ist unmöglich, in Stockholm einen Internetzugang zu finden, an den ein Drucker angeschlossen ist. In jedem kleinen Supermarkt kann ich surfen, aber Drucken? Was ist das? 

 

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Ich merke schnell, das das, was auf den ersten Blick so einfach und vertraut zu sein scheint, eine ganz andere Mentalität verbirgt. Und auch einige Dinge, die hier nicht wirklich laut ausgesprochen werden. 

 

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Am spannendsten ist immer das Ankommen in Schweden. Ich habe jedes Mal das Gefühl, als würde ich unter eine riesige Glasglocke geraten. Irgendwie ist alles gedämpft. Die ganze Lebensenergie läuft auf Sparflamme und scheint mir viel zu kontrolliert. Es ist ähnlich, wie in Dänemark. Alles sieht mustergültig perfekt, praktisch und aufgeräumt aus. Manchmal wunderhübsch und manchmal modern, grau und häßlich. Selbst im Juni, der wirklich lebenssprühenden Zeit des Jahres, läuft der innere Motor für mich nicht rund. Ja, überall sind Parties, überall wird gegrillt, die Menschen machen die Nacht zu Tag - immer im Einklang mit dem Sonnenlicht, aber es ist wie ein falscher Ton in einer Sinfonie. Übertrieben, überdreht. Um dann gleich wieder ins andere Extrem zu fallen. 

 

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Aus dem Rahmen fallen ist hier ein Ding der Unmöglichkeit. Jeder schwimmt mit dem Strom. Das ist zum Anschauen ganz nett, aber wo bleibt die Individualität? Wo bleibt diese herrlich durchgeknallte Verrücktheit, die das Leben so farbig kleckst? Kann dieses Land auch mehr als kapitalistischen Sozialismus, Alkoholkontrolle und Konformität? Gibt es hier auch irgendwo die Querköpfe und Andersdenker? Schließlich ist das hier die Heimat von Pippi Langstrumpf. Da muss doch was gehen!

 

Ja, es gibt sie. Ich finde sie immer mal wieder. Aber es braucht lange, um sie zu entdecken. Weil es so lange dauert, bis sie wirklich zum Vorschein kommen. Wohlstand und "mit allem versorgt sein" sind ein echter Hemmschuh. Aber auch Schweden kennt Demonstrationen und Proteste. Weil halt nicht alles so ist, wie es nach Außen dargestellt wird.

 

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Ein Beispiel sind die Atomkraftwerke und der Umweltschutz allgemein. Schweden gilt als Musterland. Nach Tschernobyl war es das erste Land, das den Atomaustieg beschloss. Und heute? Stehen alle AKW's weiterhin, es sind sogar Neue geplant. Niemand kümmert sich mehr darum. Keine Gegenstimme ist zu hören. Als hätte es den ursprünglichen Beschluss nie gegeben. Stillschweigen im Namen der sozialen Friedens und allgemeinen Konsens?

 

Ein anderes Beispiel sind die Kalksteinbrüche von Gotland. Jahrhundert wurde hier in kleinen, überschaubaren Arealen Kalk abgebaut. Jetzt soll es nach dem Willen der Zentralregierung großflächigen Abbau geben. Mit unübersehbaren Folgen für den Grundwasserspiegel und damit für die Landwirtschaft. Gotland ist Bauernland, die Zeiten des Handels sind vorbei. Aber was die Menschen hier umtreibt, kümmert in der weit entfernten Hauptstadt niemanden. Und das bringt die Menschen endlich einmal auf die Barrikaden. Sie haben sich auf einen Sitzstreik verlegt. Ein ganzes Camp existiert auf dem Geländer, auf dem die Erde aufgerissen werden soll. Aber wirklichen Kampfgeist spüre ich dort nicht. Eher schon Resignation. "Wir machen es zwar, aber es nutzt eigentlich eh nichts. Weil, dieses Gotland ist den Festlandsschweden doch egal...."

 

Die Sami im hohen Norden schlagen sich mit ähnlichen Problemen herum. Auch sie sind zu weit weg vom politischen Herz des Landes. Ich habe den Eindruck, je weiter weg von Stockholm umso eher kann man alles mit den Menschen und der Natur machen. In Lappland sind die Bodenschätze. Und die werden nicht minder exzessiv abgebaut, wie überall sonst auf der Welt. Von Rücksicht auf die Ureinwohner ist hier nicht mehr zu spüren als in Australien. 

 

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Schweden knabbert auch irgendwie an der eigenen Geschichte. Die Großmachtzeit ist hier vollkommen ins Land des Vergessens verbannt. Als wäre nach dem Mittelalter gleich die Zeit von Nobelpreisträgern und Friedensstiftern gefolgt. Aber so ist es nicht. Schweden hatte sehr wohl Ambitionen ganz vorn mitzuspielen. Und dann gibt es da noch das fast unbekannte Kapitel der quasi-Kooperation mit deutschen Nazis. Schweden war nicht neutral. Es hat dieses Aushängeschild nur genutzt, aber nie ausgefüllt. Die Geschäfte mit Nazi-Deutschland liefen weiter. Und natürlich war Schweden auch Durchmarschgebiet für deutsche Soldaten nach Norwegen.

 

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Das Bild wird vielschichtiger und komplizierter, je öfter ich hier bin. Die Ähnlichkeiten entpuppen sich sehr oft als Schein und die Wirklichkeit ist immer anders, als ich denke. Ich bin fasziniert von diesen Menschen, ich bin fasziniert von dieser doppelten Realität. Und es macht mir Freude, sie zu entdecken. 

 

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Es macht mir auch Freude, den Frieden zu geniessen, den es hier oben tatsächlich gibt. Es macht mir Freude zur Mittsommernacht um den Baum zu tanzen und mit den Menschen zu feiern. Es macht mir Freude, die weißen Nächte zu geniessen und meinem Körperrhythmus zu lauschen, der vor Lichtüberschuss ganz rege wird. Es macht mir auch Freude, mit Freunden in Kontakt zu sein und hinter die Kulissen ihrer ersten Reserviertheit zu schauen. Und - ich liebe diese Seen und Wälder. Ich liebe sie einfach. Ich werde nie genug von der Stille einer lauen Sommernacht am Wasser bekommen. Ich werde auch nie genug davon bekommen, meine Lieblingsinseln und -schären zu besuchen. 

 

Ich bekomme auch nicht genug von Visby's Türmen und den wunderschönen alten, zerfallenen Kirchen oder dem liebevoll angelegten botanischen Garten. Und die Sprache. Himmel, diese Sprache. Sie ist so melodisch und wunderschön. Jedesmal wird mein Herz ganz weit. 

 

Ich weiß, unter dieser Glasglocke steckt etwas ungeheuer Kraftvolles. Ich kann es fühlen, jedes Mal. Ich kann es spüren, wenn ich an diesem fantastischen Steinkreis "Ales Stenar" stehe und über das Meer schaue. Ich kann es spüren, wenn ich eine Nacht unter freiem Himmel schlafe. Hier ist etwas. Etwas, das schläft und aufwachen möchte. Etwas, das die Glasglocke satt hat und nach Leben und Fließen hungert. 

 

Und ich bin ein guter Wecker... ;-)

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