Der Ausverkauf der Seele 

Geld, Angst, Selbstverleugnung

Erschüttert. Traurig. Wütend. Ich bin alles zugleich. Weil ich wieder damit konfroniert bin, wie sehr die Menschen ihre eigenen Werte mit Füßen treten.

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Seit Tagen versuche ich eine Wohnung mit zwei Schlafzimmern in Edinburgh zu finden. Für zwei Nächte in der Festivalzeit. Es entwickelt sich zu einer unlösbaren Aufgabe. Auf jede Anfrage folgt die gleiche Antwort. Oh, Entschuldigung, wir haben unsere Preise noch nicht nach oben korrigiert, es ist ja Festivalzeit. Und schwupps werden aus 140 Euro pro Nacht 220 oder 250. Oder lieber noch ein bisschen mehr.

 

Es ist noch nicht einmal der horrende Preis, der mich so schockt. Es ist die Tatsache, das hier offen zu Tage tritt, wie wenig es um Gastfreundschaft geht. Die Menschen belügen sich selbst und merken es nicht einmal. Es geht nicht um ein Festival. Es geht nicht um die Kultur oder die Förderung von jungen Künstlern. Die ist nur noch Mittel zum Zweck. Nebenprodukt. Ungeachtet aller anders lautenden Beteuerungen spielt hier letztlich nur eines eine Rolle. Wie verdiene ich in einem Monat möglichst viel Geld? Punkt. Aus. Ende.

 

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Darum geht es auch dem Hersteller meines Druckers. Vor gut drei Wochen ist der Druckkopf durchgebrannt und ich machte mich auf die Suche nach einem neuen Ersatzteil. Mein Verstand hatte eine klare Vorstellung davon, wie das ablaufen sollte. Angesichts von Rohstoffpreisen, Tagebau-Mondlandschaften, Müllbergen und Klimawandel sollte es vollkommen logisch sein, so ein kleines Teil in Nullkommanicht zu bekommen, einzubauen und schon funktioniert alles wieder.

 

Die Realität jedoch sieht so aus: Ein neuer Drucker kostet 80 Euro. Ein Druckkopf von einem Gerät, das jetzt so um die vier Jahre alt ist kostete vor Silvester noch 89 Euro. Das hätte ich in Kauf genommen. Die Bestellung ging schief. Der Verkäufer zog sein Angebot zurück und verlangte wenige Tage später - im Januar - nachdem der den "Markt" studiert hatte, 179 Euro für den Durckkopf. Amazon verkaufte das Teil im Internet sogar für über 300 Euro.

 

Das macht fünf nagelneue Drucker für den Wert eines Ersatzteiles. Warum? Canon möchte Umsatz machen, das heißt, neue Drucker verkaufen. Ersatzteile interessieren die Firma nicht. Warum auch. Schließlich sollen Arbeitsplätze erhalten werden. Das Wirtschaftswachstum muss garantiert, das Bruttoinlandsprodukt gefüttert werden. Die Zahlen müssen stimmen und sie können nur stimmen, wenn ständig gegen jeden Verstand mehr und mehr produziert wird.

 

Wer sollte das kaufen, wenn die Geräte halten? Wer sollte Geld für etwas Neues ausgeben, wenn es das Alte auch tut? Also werden willentlich und absichtlich Fehlfunktionen oder sogenannte Sollbruchstellen eingebaut, damit die für teures Geld neu erworbenen Schmuckstücke der Technik in halbwegs vertretbarer Zeit ihren Geist aufgeben. Nur so macht sich die Firma am Ende nicht selbst überflüssig. 

 

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Es gibt unzählige solcher Beispiele. Diese ganze Welt steht Kopf. Wir lassen sie Kopf stehen. Wir haben unsere Seele verkauft. Für Zahlen in der Bilanz. Für ein gefülltes Bankkonto. 

 

Das, was einmal brilliante Erfindungen waren, so wie Geld oder technische Neuerungen, werden zur Farce, zum Schatten ihrer selbst. Denn es geht nicht mehr darum, der Welt irgend etwas Gutes zu tun. Es geht nicht mehr um Ökologie, Mitgefühl, Gastfreundschaft oder ein besseres Leben für Alle. Das alles sind nur noch Werbesprüche im Vierfarbendruck von Hochglanzmagazinen. 

 

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Die Meisten werden an dieser Stelle einwerfen, das sich daran nichts ändern lässt und geben damit die Verantwortung fein säuberlich in höhere Hände. Wo auch immer diese sein sollen.

 

Schade, denn damit bringen sie sich selbst um die größte Freude, die uns dieses Leben schenken kann. Eine Freude, die Millionen von Menschen in allen Zeiten mit leuchtenden Augen die unwahrscheinlichsten Dinge hat vollbringen lassen.

 

Es ist das Gefühl, wirklich im Einklang mit seinem Inneren zu leben. Hand in Hand mit der eigenen Seele. Hand in Hand mit den eigenen Überzeugungen und Werten. Und Hand in Hand mit der Tiefe seines Herzens.

 

Es gibt kein größeres Vergnügen. Es gibt kein tieferes Glück. 

 

Wollen wir das wirklich verkaufen? Für Peanuts?

 

 

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