Herausforderung - Hitze 

Kampf, Loslassen und Neubeginn

Sonne und ausgetrocknetes Land. Es gibt keine Kombination, die mich schneller und direkter an meine Grenzen führt. Griechenlands Erde zu berühren, seine Wege zu gehen und dabei jeden Schritt zu genießen ist eine Aufgabe, vor der ich mich lange gedrückt habe. Jetzt bin ich hier. Auf dieser ganz besonderen Insel, mit der ich so kostbare Erinnerungen verbinde. Noch nie bin ich hier länger als wenige Stunden gewandert. Noch nie habe ich mich der Sonne wirklich ausgesetzt. Korfu war bisher meine Strand-, Bade- und Seminarinsel. Ein Ort tiefster innerer Einkehr und intensivster Gefühle.

 

Jetzt will ich den Korfu-Trail vorbereiten und danach zwei Gruppen über die Berge leiten. Anfang September. In einer Zeit, in der die Gluthitze des Sommers nachflimmert wie ein Backofen. Bin ich verrückt? Ja, ein bisschen. Auf jeden Fall will ich an meine Grenzen gehen. An die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit. Ich möchte meinen Körper spüren, anders, unverblümt, direkt. Es gibt keinen besseren Ort als Korfu, um das zu erleben. 

 

......

 

Ich überrasche mich selbst. Mit der Leichtigkeit der Orientierung. Mit der Lässigkeit, in Sonne und Hitze zu baden. Doch schon am zweiten Tag, gehe ich zu weit. Mein Wille treibt mich so sehr voran, das ich alle Signale meine Körper überhöre. Der Wille wird von meiner Unsicherheit gefüttert. Von der Angst, es vielleicht nicht hinzubekommen. Und dabei übertrete ich alle Grenzen.

 

Ich vergesse den Rhythmus des Landes. Den Rhythmus, der eine Mittagspause im Schatten verlangt. Ruhe für die Füsse. Entlüften. Kühle. Ich gehe weiter, in der prallen Mittagssonne. Hinauf auf den Berg. Wieder hinunter. Und bin dann am Ende vollkommen fertig. Sonnenstich. Brechen. Alles Wasser des Tages strömt aus meinem Körper hinaus. Ich fühle mich unendlich schwach. Kann kaum aufstehen. Nur langsam, als es draußen schon dunkel ist, vor meinem Hotelzimmerfenster. Essen? Unmöglich. Ich möchte nichts mehr zu mir nehmen. Gar nichts. Werde ich morgen weitergehen? 

 

Nach dieser Nacht fühle ich mich erstaunlich frisch. Ohne Essen wandere ich los. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Herrliche Kühle. Ich schwöre mir, langsam zu gehen. Mir Zeit zu lassen. Pausen zu machen, wann immer ich sie brauche. Und es geht mir wunderbar damit. Es wird ganz einfach. Alles wird ganz einfach. 

 

Aber wieder überhöre ich ein Signal. Blasen. Ich spüre, wie sie entstehen. Ich kann es fühlen. Aber ich habe nichts dabei, um etwas daran zu ändern. Mitten im Nirgendwo gibt es keine Pflaster zu kaufen. Und ich war noch nie im heißen Süden unterwegs. So lange, so intensiv. Ich kenne das "Blaseneinmaleins" nicht. Dafür lerne ich es jetzt, auf die harte Tour. 

 

Heute Abend jedoch bin ich erst einmal im Freudenrausch. Nichts ist mehr unmöglich. Ich habe ganz neues Vertrauen in mich selbst gefasst. In meinen Körper. Und damit in einen Bereich, der für mich bisher pure Unsicherheit bedeutet hat. 

 

Doch die Blasen fordern ihren Tribut am kommenden Tag. Sie öffnen sich. ich spüre die rohe Haut. Die Pflaster, die ich mittlerweile gekauft habe, helfen nicht. Jeder Schritt ist purer Schmerz. Agonie. Es braucht jeden Fetzen meines Willens, um weiterzulaufen. Nach der Mittagspause wird es zur Hölle. Der Weg nimmt kein Ende. Die Sonne ist heißer als an jedem anderen Tag. Der Weg - schattenlos. Im gleißenden Licht verschwindet jedes Gefühl für meine eigenen Konturen. Ich spüre, wie ich mich auflöse. Wie jede Zelle sich in Licht verwandelt. 

 

Wie ein Blitzschlag durchfährt mich die Erkenntnis. Schmerz ist ein Weg zum Licht. Es ist der Weg, den die Indianer in ihrem Sonnentanz gehen. Es ist der Weg, den Jesus am Kreuz gegangen ist. Durch Schmerz kann man erfahren, das man mehr ist als ein materieller Körper. Genau das erlebe ich jetzt. Die Struktur bricht auf. Das, was ich nicht bin, geht. Und zurück bleibt mein eigentliches Wesen. Pures Licht. Ich bade gleichzeitig in tiefsten Glücksgefühl und intensivstem Schmerz. Laufe wie im Rausch. Im Traum. Bewege mich mit etwas, was gar nicht mehr existiert. 

 

Und treffe urplötzlich eine Entscheidung. Das hier ist nicht mein Weg. Der Weg der Schmerzen ist direkt. Geradlinig. Aber er ist kein Weg der Liebe für mich. Er ist ein Weg des Kampfes. Kampf gegen einen Teil des eigenen Wesens. Kampf gegen den Körper. Und ich spüre die Liebe zu diesem Körper in mir aufsteigen, wie eine sprudelnde, klare Quelle im Morgenlicht. Ich werde ihn nicht zerstören, um das, was darunter liegt, zu fühlen. Ich gehe einen Weg, der Brücken schlägt. Der Körper und Licht verbindet. Ich tausche nicht das Eine gegen das Andere aus. Ich negiere nicht den Wert des Einen für das Andere. 

 

Ich gehe einen Weg, der für mich wirklich Liebe bedeutet. Achtung. Miteinander. Hand in Hand. Ich liebe meinen Körper. Ich liebe, das was ich bin. Darunter. Das Licht. Beides ist gleich viel wert. Beides ist real. Beides ist willkommen und Beides hat seinen Platz in meinem Herzen. 

 

Und deshalb breche in am nächsten Morgen die Tour ab. Ich nehme mir Zeit, mich in diesem Land zu akklimatisieren. Ich nehme mir Zeit, wirklich anzukommen. Mit allen Sinnen. Ich nehme mir Zeit, damit mein Körper sich hier wohlfühlt. Und dann laufe ich weiter. Erst dann.

 

.......

 

Jetzt ist der Trail leicht. Er ist wirklich leicht. Weil ich nicht mehr gegen einen Teil meiner Selbst kämpfe sondern jede Zelle in die gleiche Richtung geht. 

 

Das ist mein Weg. Das wird er immer sein. Gemeinsam mit allen Teilen. Nur wenn ich alles achte, wenn sich jeder Teil wohlfühlt, dann ist der Weg richtig für mich. Dann ist es wirklich ein Weg der Liebe....

 

......

 

Mein Herz für das Land ist jetzt ganz offen und weit. Ich will wiederkommen. Immer wieder. In dem Licht baden, die Hitze auf der Haut spüren, meinen Schweiss fließen lassen. Ich will im Schatten der Olivenhaine sitzen, dem Zirpen der Grillen lauschen und das unglaubliche Blau des Meeres bestaunen.

 

Korfu - Griechenland sind ein Stück Heimat geworden. Das Wunder ist geschehen...

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