Im Sturm stehen

 Frieden, Stille - und um mich herum ist Chaos

Die Welt um mich herum sinkt ins Dunkel. Die inneren Mauern fallen. Alles, was Ängste, Emotionen, Traumata zurückgehalten hat, zerbröselt unter dem Ansturm des äußeren Drucks und der ständig steigenden Energieschwinung der Erde ins Nichts. Ein Tsunami an Gefühlen überflutet die Menschen. 

 

Und sie wiederum überfluten alles, was sie berühren. 

 

Die Lautstärke der Welt hat sich vervielfacht. Wir haben den Lautsprecher aufgedreht. Es gibt kaum noch Stille. Selbst an diesen Orten hoch im Norden, an denen ich bin. Weil hier jeder, der herkommt, genau danach sucht. Und jeder Suchende im Urlaub bringt seinen Lärm mit. Ungefiltert.

 

Es ist schwer, das auszuhalten. Es ist schwer, diese Art von Touristen zu hören, wahrzunehmen, zu sehen. Weil sie ihren Raum für die Selbstwahrnehmung Schritt für Schritt verlieren. Es bleibt immer weniger Energie übrig, um nett und zuvorkommend zu Anderen zu sein. Der Egoismus bricht sich Bahn. Ellenbogen. Individualität um jeden Preis. Party wo immer es geht. Schneller, höher, weiter. Immer mehr, immer mehr, immer mehr. 

 

Ich bin in Schottland und auf Island. Lausche den dröhnenden Motoren der aufgepeppten Hochlandjeeps hinterher, die mich gerade im vollen Speed mit einem waghalsigen Manöver überholt und mein Auto dabei mit einem Steinhagel überzogen haben. Ich stehe fassungslos vor überquellenden Parkplätzen und hektischen Touristen, die wie die Lemminge ihre Kameras vor Augen halten um das möglichst beste Foto im besten Licht und der besten Position zu schießen. Sie strömen aus Autos und Bussen und überziehen diese traumhaft schönen Landschaften wie eine Tsunami-Welle. Kein Ort an der Ringstraße ist leer. Kein Parkplatz ohne Auto. Wann immer man anhält, ist nur Augenblicke später garantiert ein zweites Auto da, weil deren Insassen denken, etwas zu verpassen, was sonst nur ich sehen würde. Ich höre Chinesisch, Japanisch, Hindi, Amerikanisches Englisch, Deutsch, Französisch.... Alles, nur kein Isländisch.

 

Die Isländer stecken mitten drin in ihrer selbstgemachten Völkerwanderung und wissen nicht so recht, was sie damit anstellen sollen. 330.000 Isländer und aktuell in diesem Jahr 1,7 Millionen Gäste. Vor zehn Jahren kamen nur 200.000 Menschen auf die Insel. Das war einmal.

 

Es hat Wochen gebraucht und mittlerweile zwei Aufenthalte, um zu lernen, damit umzugehen und Möglichkeiten zu entdecken, das Island zu fühlen, das unter all dem Wahnsinn pulsiert. Lebendig. Kraftvoll und so unberührt und unbeteiligt wie am ersten Tag der Schöpfung. Weil es auf dieser Insel der erste Tag der Schöpfung ist. Jeden Augenblick auf's Neue. 

 

In Schottland fällt es mir leichter mit mir und bei mir zu bleiben. Aber auch hier fühle ich den Ansturm, wie ein Turm, der unter den eisenbeschlagenen Stiefeln einer Armee erzittert. Auch hier ist es schwerer geworden, mit mir selbst zu sein. Seit wenigen Jahren überschwemmen die Touristen die Küstenstrasse der Highlands.

 

Es ist ein Rennen. 500 Meilen, immer am Wasser entlang. Möglichst schnell. Es beginnt, wenn es das Wetter zulässt und geht solange, wie die Reisesaison. Die Campingplätze und Unterkünfte sind voll. Die Straßen glänzen nur am frühen Morgen mit Weite. Dann kommen Campervans, Radfahrer, Oldtimer, normale Mietwägen. Alles, was Räder hat. Im letzten Sommer sind auf schmalen Straßen vierzig italienische Campervans im Konvoi unterwegs gewesen. Überholen unmöglich. Es gibt viele Schotten, die wegen des Ansturms schon ihren Job verloren haben, weil sie nie mehr pünktlich zur Arbeit kommen konnten. Irgendein Touristenauto versperrte ihnen garantiert den Weg ins Büro. Doppelte Fahrtzeiten sind normal im Sommer. Und am Ende nervt Jeder Jeden. 

 

Das Paradies existiert weiterhin. Es ist immer da und wartet geduldig darauf, das wir aufhören, dem Glück und der Stille hinterherzurasen. Es wartet darauf, das wir stehenbleiben. Jetzt. Hier. Den Motor auszustellen und nichts mehr zu tun, als zu sein, zu fühlen, zu atmen und zu sehen. 

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