Ich bin einmalig

 Ein Ende des Vergleichens

Eine Szene aus meiner Jungend folgt mir in diesem Sommer auf Schritt und Tritt. 

 

Das Stadion des Friedens in Wittenberg. Schulsport. 800 Meter Lauf. Der Startschuss ertönt und die ganze Gruppe rennt los. Nach wenigen Augenblicken ist klar, das das nicht meine Art der Fortbewegung ist. Ich komme mir vor, wie eine Schnecke. Ich bin eine Schnecke. Vor mir, am anderen Ende des Stadionrundes fliegt Grit dahin. Sie fliegt wirklich. Ihre Füsse scheinen den Boden kaum zu berühren. Sie ist schneller als der Wind. Ich dagegen keuche mühsam meinen Atem in die Luft und bin an die Erde gekettet wie ein unförmiges Nilpferd. Bleischwer. Jeder Schritt kleiner als der vorherige. Jeder Schritt vergrößert den Abstand zwischen mir und dem Vogel dort ganz vorn. Seitenstechen. Ich bin ein Versager. So ein Riesenversager. Unfähig und definitiv nicht gut genug, was meine körperliche Leistungsfähigkeit betrifft. 

 

Ein großer Teil meines Antriebs für das Wandern, für das Trekking kommt aus dieser Situation. Aus dem Gefühl heraus, mir und der Welt etwas beweisen zu müssen. Aus dem Gefühl heraus, besser sein zu müssen, anders, als ich es bin. Aber ich schaffe es nie, die Kluft zu überbrücken, die in mir selbst lebt. Egal, wieviel ich mache. Egal, wie gut ich bin. Ich hinke immer hinterher. Ich hechle immer hinterher. Es gibt immer irgend jemanden, der besser ist.

 

Ich stehe mir selbst im Weg. Weil dieser Glauben nicht gut genug zu sein, unter all den Leistungsversuchen schwärt und jeden neuen Anlauf, jede Errungenschaft vergiftet und einfärbt. 

 

Bis heute. Bis zu diesem Augenblick.

 

Heute beende ich das Rennen. Heute höre ich auf, Grit hinterherzulaufen. Heute ist das Ende des Wettbewerbes gekommen. Ich mache nicht mehr mit. Ich verändere den Film. Bleibe stehen. Lächle. Und schaue, dieser wunderbaren Überfliegerin hinterher. Es ist schön, sie zu sehen. Grazil, wie eine Antilope in der afrikanischen Savanne. Ich kann es genießen, sie zu sehen, ohne zu vergleichen. Ich bin aus dem Stück ausgestiegen. Komplett und vollständig. 

 

In diesem Augenblick wird mir bewußt - ich muss mir niemals wieder Sorgen machen, gut genug zu sein. Nicht nur im sportlichen Bereich. Nein, überall. Ich brauche nie wieder auf Geburtstagsglückwünsche oder Emails oder Brief zu warten - in der Furcht, vergessen worden zu sein. Ich bin einmalig. Ich bin unverwechselbar. Nichts und niemand kann mich ersetzen. Werder in meinen Augen noch in denen eines Anderen. Ich brauche keine Angst mehr zu haben, nicht geliebt zu werden. Ich brauche nicht mehr zu glauben, etwas ganz Bestimmtes leisten zu müssen, um anerkannter zu sein. Ich brauche überhaupt nichts zu tun, um die Liebe und Achtung eines anderen Wesens zu verdienen. Ich habe sie schon. Weil ich, ich bin. Nur ich.

 

Und - ich bin genau richtig, so, wie ich bin. Ich brauche keine Antilope zu werden. Das ist schon jemand anders. Ich brauche kein Leistungssportler zu werden. Keine Top-Schwimmerin. Kein super Wanderer. Ich brauche nicht auf 4000er zu hüpfen und ich brauche auch keine Spitzenzeiten hinzulegen. Der Wettbewerb existiert nicht mehr für mich. Wie soll es ihn auch geben, wo wir alle einmalig sind? Gegen was bitteschön wollen wir denn konkurrieren? Da ist doch gar niemand anders, der so ist, wie wir. 

 

Jeder von uns ist ein Schatz für diese Welt. Jeder bringt Geschenke mit. Auf seine ganz eigene Art. 

 

Ich selbst sein - das ist es, worauf ich mich jetzt konzentriere. Voll und ganz und mit ganzer Fröhlichkeit der Seele. Feiernd. Tanzend. Lachend. Unbekümmert. Glücklich.

 

Foto: Uschi Dreiucker / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Marco Schlüter / pixelio.de
Foto: Peter / pixelio.de
Foto: Andreas Hermsdorf / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de
Foto: Herbert Raschke / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Rolf Handke / pixelio.de
Foto: Susanne Richter / pixelio.de
Foto: roja48 / pixelio.de
Foto: Bernd Kasper / pixelio.de
Foto: Rudis-Fotoseite.de / pixelio.de
Foto: Peter A / pixelio.de
Foto: Carolin Daum / pixelio.de
Foto: Thomas Wiesendahl / pixelio.de
Foto: Uschi Dreiucker / pixelio.de
Foto: Bernd Kasper / pixelio.de
Foto: Gabi Schoenemann / pixelio.de
Foto: H.D. Volz - pixelio.de
Foto: hum / pixelio.de
Foto: Maren Beßler - pixelio.de
Foto: Rosel Eckstein / pixelio.de
Foto: Alexander Altmann / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de