Auseinandersetzung Nummer Eins

Yoga-Vidya Inside

Ich bin in der Yogalehrer-Ausbildung beim Yoga-Vidya. Erstaunlicherweise. Auch für mich. Hinter mir liegen zwei äußerst intensive Wochen mit jeder Menge gefühlter Achterbahnfahrt. Meine schlimmsten Befürchtungen haben sich bewahrheitet. Meine optimistischsten Hoffnungen, ebenfalls. 

 

Was ich finden wollte, habe ich durchlebt. Und noch mehr, von dem ich nichts ahnte...

 

Intensivste Meditationen, Energieflüsse voller Licht, ein klares, deutliches Eintauchen in meine Essenz, Ekstase und Dankbarkeit. Ein Raum voller Menschen, die alle in still in ihr inneres Selbst versunken sind, schaffen einen unglaublich vibrierenden Rahmen, um tiefer mit mir verbunden zu sein, als jemals zuvor. Wunderbar. Gern, jederzeit wieder. 

 

Hatha-Yoga. Endlich habe ich wieder einen echten Zugang. Diesmal so standfähig, das ich dieses innere Bedürfnis spüre, weiterzumachen. Es ist der richtige Moment. Der richtige Augenblick, um die bisherigen Grenzen meines Körpers Vergangenheit werden zu lassen. Weil jetzt mein ganzes Wesen dazu bereit ist. Bereit, zum Auflösen der inneren Blockaden und Barrieren. Bereit zum freien Fluss der Energien in mir. Ich bin an dem Punkt angekommen, an dem ich damit sein kann. Wirklich sein. 

 

Sanskrit. Diese Sprache ist mir so vertraut. Die Zeichen sprechen zu mir. Sie sind pure Vollkommenheit. Etwas daran berührt mich so direkt, wie ein Geliebter, den ich aus den Augen verloren hatte. Ich kenne diese Sprache, diese Laute sind nicht zum ersten Mal auf meinen Lippen. Die Sprache der "Götter"? Ja, damit kann ich tatsächlich etwas anfangen. 

 

Mantren. Ich liebe die Klänge, die zum Himmel steigen. Zusammen mit Sanskrit werden sie zu einem Gebet. Einem vollendeten Ganzen, das den ganzen Raum zum Schwingen bringt und mich mit ihm.

 

Die Geschichte, die Religion, die Philosophie dahinter. Auch das ist mir vertraut. 

 

Aber...

 

Für mich ist die eigentliche Botschaft, die ich in meinem Inneren wiederhallen höre, verzerrt. Fast bis zur Unkenntlichkeit. Hier wird ein allgemeingültiger Wahrheitsanspruch verkündet, der jeden Andersdenkenden oder auch nur Hinterfragenden in die Ecke drängt. Schlimmer noch. Ich erlebe Lehrer, die sich auf Kosten des Fragenden selbst profilieren wollen. Lehrer, die sich dann groß fühlen, wenn ihre Schüler möglichst klein sind. Lehrer, die keine Zweifel zulassen. Keine anderen Meinungen. Hier wird letztlich - bei allen anderen Lippenbekenntnissen - Absolutheit verkündet. Eine Wahrheit, viele Wege dorthin. Aber eine Wahrheit. Shivananda. Was er sagt, ist richtig. Basta. Als hätte sich die Welt nicht seit den 30er Jahren weitergedreht. Als würden wir nicht in einer anderen Zeit leben. 

Es entspricht dem indischen Guru-Lehrsystem. Dort ist der Lehrer unfehlbar. Was er sagt, wird nicht hinterfragt. Doch - das entspricht - Gott sei Dank - nicht der deutschen Gegenwart. Es entspricht nicht dem westlichen Verstand. Und eine Schule, die hier in Deutschland mit Deutschen arbeitet, kann nicht mit einer Art Brechstangenmethode indische Verhältnisse schaffen.

Wenn dieses indische Modell so vollkommen wäre - wenn diese Religion und Philosophie so unfehlbar wäre, dann sähe die Heimat dieses Modells anders aus. Dann wäre Indien nicht diese Schnellkochtopf, der an allen Ecken überbrodelt. Die Lösung ist nicht das Überstülpen eines Extrems. Es ist die Verbindung von verschiedenen Ideen und Ansätzen. Das Beste aus beiden Welten. Ost und West. Das jedoch hat hier niemand wirklich vor. 

 

Mantren wollen mit Liebe gesungen werden. Nicht jeder kann das. Nicht jeder sollte dort vorn sitzen. Ich erlebe Menschen, die singen, als wären ganze Dämonenscharen hinter ihnen her. Abgehetzt, als müssten sie einen übervollen Terminkalender erfüllen. Es tut weh. Es schmerzt wie eine Vergewaltigung von Vollkommenheit. 

 

Sanskrit. Sie zur ältesten Sprache der Menschheit zu machen, halte ich für bestenfalls vermessen. Sie ist eine der ältesten, ganz sicher. Aber es gibt so viele anderen Kulturen, so viele andere Sprachen, die bis heute mit ihrer Abstammung vollkommen im Dunkel liegen. Ich denke nur an die vielen Aborigines-Sprachen. Sie sind viele tausend Jahre älter. Nur weil sie niemand aufgeschrieben hat, sind sie nicht weniger präsent. Ganz im Gegenteil. Leider jedoch zieht sich dieses Denken von "Überlegenheit" letztlich nicht nur durch die Sprache sondern alles Aspekte des "Indisch-Seins". So sehr, das es sehr schwer wird, die Schönheit und die Schätze wirklich wahrzunehmen. 

 

Am Ende dieser ersten zwei Wochen der Ausbildung bin ich überzeugt, genug zu haben. Ich bin durch unzähle Prozesse gegangen. Ich habe mich mehrere Mal heftig mit Lehrern angelegt und ich bin frei, zu gehen. Nicht, wie in meiner Vergangenheit. Nicht, wie in der DDR, wo ich mit genau so einem starren System konfrontiert war. Doch da gab es keinen Ausgang. Da musste ich mich arrangieren. Hier - nicht. Diese Freiheit nehme ich mir. Ich storniere die anderen beiden Wochen, die für Januar geplant waren und fahre mit einem Gefühl von Dankbarkeit und vor allem Erleichterung. Ich fahre mit einem Koffer voller Geschenke. Yoga ist für mich ein Schlüssel, aber ich muss meinen eigenen Weg finden, ihn zu benutzen. 

 

 

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