Die Phobie eines Inselvolkes

Am Anfang der Zeiten

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Weltabgeschieden. Irgendwie. Anders. Sowieso. Ganz für sich. So allen auf einer Insel lassen sich eigene Träume leben. Wieviel sie mit der Welt und Realität zu tun haben, das steht auf einem anderen Blatt. In England wirkt die Geschichte so stark, das die Extreme durcheinanderpurzeln wie Wattebäusche im Strumwind.

 

Auf der einen Seite Stonehenge mit seiner puren, klaren Energie - ein echtes spirituelles Zentrum - neben Avalon und lebendigem Druidenglauben. Auf der anderen Seite London, das dem Gott des Geldes hinterherrast. Konservatives Denken, aristokratische Grundwerte, uralte Traditionsregimes, eine Regierung aus blauem Blut und ein immer neu verehrtes Königshaus leben einträchtig neben wuseligem modernen Geschäftsleben daher. Als wäre das vollkommen normal. So ganz klappt der Spagat nicht. Das störrische Beharren auf dem Alten, lässt die erzwungene Allianz der britischen Teilstaaten wackeln. Es wirkt verstaubt und eigentümlich, was da so herüberschwappt. Es ist auch irgendwie etwas hilflos und planlos, besonders wenn man den gerade stattfindenden Brexit und die läppisch-fahrig-unkoordinierten Politiker der englischen Regierung bei immer neuen Bauchlandungen beobachtet. 

 

Nein, mit Planen haben es die Engländer definitiv nicht. Aber sie pochen erfolgreicht - stets auf's Neue - auf ihre stolze Empire -Vergangenheit und die damit verbundenen Sonderprivilegien. Es ist nicht aus dem Denken verschwunden - das Gefühl, die Welt zu beherrschen. Irgendwie. 

 

Was aber haben ein Aristokrat mit dem näselnden und steif gestelztem Englisch mit dem Arbeiter aus dem Black Country gemeinsam, dessen Sprache man in keinem Lehrbuch übersetzen kann? Das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Besonders, weil man auf dieser wunderschönen, kleinen, feinen Insel lebt. Gedrängt zwar - zugegeben. Sehr gedrängt, um genau zu sein. Mit Straßen, durch die sich Autos nur mühsam von Rush-Hour zu Rush-Hour zwängen; Häusern, in denen es - aller moderner Bautechnologie zum Trotz - weiterhin wie vor hundert Jahren durch Einwegverglasungen zieht wie der Teufel. Und mit Läden, die dem Puppenladen meiner Großmutter entsprungen sein könnten.

 

Dieses Beharren auf die Vergangenheit schenkt Identität und Verbundenheit. Die Insel schenkt Heimat. Unbesiegbar - natürlich - egal, was die Geschichte zu erzählen hat. Und die Königin schenkt Kontinuität. Alles geht weiter, wie es schon immer war. Kein Wunder, das dieses Volk den Ausgang nach hinten gewählt hat. Zurück. Weg von der Geschwindigkeit eines Wandels, hinter dem auch sonst auf dem Kontinent niemand mehr hinterherkommt. 

 

Aber der Wandel ist längst angekommen, zwischen grünen Hügeln und Steinkreisen. Die junge Generation nimmt das Beste aus den Welten und jongliert damit welterfahren herum. Nun, welterfahren waren ihre Vorfahren auch. Diese Neugierde auf die Ferne war den Engländern schon immer eigen. Das hat sie groß gemacht. Und jetzt - Rückzug? Wohin? Nach Hause? Und dann?

 

Niemand weiß es. Niemand. Weder unten noch oben. Im Augenblick ist das Schiff führerlos. Ein bisschen hin- und herschwankend und kreiselnd. 

 

Was auch immer die Politik und das Selbstverständnis dieses Volkes treibt - ich freue mich jedes Jahr wieder herzukommen. In diese kondensierte Vergangenheit mit den freundlichsten Verkäufern der Welt, den drolligsten Sprachkapriolen, den schrulligsten alten Damen und den verwinkelsten Gespensterhäusern, die sich die Phantasie ausmalen mag. Ich liebe die weiten grünen Hügel und die herrlichen Hausfassaden. Ich liebe dieses Traditionsbewußtsein. Es ist zuviel, stimmt, aber es hat auch genau den Schwung, der mir aus meiner Heimat fehlt. Vielleicht ist es deshalb so anziehend durch Oxford's Straßen zu schlendern oder Shakespeares Versen zu lauschen. Vielleicht steht auch ich deshalb immer mal wieder vor dem Buckingham Palace und halte nach der Queen Ausschau. Und vielleicht fühle ich mich auch deshalb sowohl in der Westminster Abbey als auch in Stonehenge komplett und ganz und gar zu Hause.

 

 

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