Am Ende der Welt

Eine andere Wirklichkeit

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Nichts auf dieser Insel ist vertraut. Und gleichzeitig doch so faszinierend ursprünglich, das alle unsere Träume jubeln. Es ist, als wäre man auf einem fremden Planeten gelandet. Alles hat Dimensionen, die unsere Augen nicht kennen. Formen, die uns unbekannt sind. Weiten, in denen wir uns auflösen. Es ist wie die Antwort auf unsere tiefste Sehnsucht - der Einheit mit der Natur. Hier kann man der Erde bei ihrer Entstehung und stetigen Neuentstehung zuschauen. Hier ist alles so, als hätte es den Menschen nie gegeben. Die Natur ist übermächtig. So wild. So ursprünglich, das unsere Herzen weit werden. Es ist wundervoll, auf diesem Flecken Erde zu sein. Das erleben zu können. Doch - es gibt eine andere Seite. Die Seite über die kein Werbeprospekt spricht.

 

Millionen von Menschen werden Jahr für Jahr hierher gezogen. So viele, das die Infrastruktur der Insel vollkommen überfordert ist. 330.000 Einwohner sollten 2016 für 1,7 Millionen Touristen sorgen. Eine Zahl, die weiterhein steil nach oben steigt. Ohne, das es irgendeine Art von griffigem Konzept dafür gibt. Die Regierung ist überfordert, die Einwohner sind überfordert. Und die Besucher finden sich im stetigen Verkehrsstrom auf der Ringstrasse wieder. Auf überfüllten Campingplätzen und vor langen Toilettenschlangen. Der Finanzcrash hat das Land seine Türen weit öffnen lassen. Zu weit. Viel zu weit. Das Geld wird gebraucht, sagen die Einen. Aber nicht so. Sagen die Anderen.

 

Fakt ist - es wird voll auf der Insel. Voll, weil es nur wenige Straßen gibt auf denen sich notgedrungen alle treffen. An den gleichen Wasserfällen. An den gleichen Geysiren, Gletschern und in den gleichen kleinen Orten. Es gibt keine Möglichkeit, die Stille noch zu genießen, wenn man nicht allein in die Wildnis wandert. Denn überall ist schon jemand. Und, wenn man selbst der Erste sein sollte, der an irgendeiner Stelle der Ringstrasse parkt, dann wird binnen Minuten ein anderes Auto direkt daneben halten. Weil die Insassen glauben, wie würden etwas verpassen, wenn sie es nicht tun. Fakt ist auch, das sich alle Völker der Erde auf Island treffen. Japaner, Chinesen, Inder, Amerikaner, Europäer, Araber. Alle kommen hierher. Alle wollen das erleben, was dieses Land so großartig macht. Das, was sie in ihrer Heimat systematische einzäunen, befrieden und zurechtstutzen. Dieses Gefühl von grenzenloser Freiheit. Das Gefühl, atmen zu können. Diese reine Luft, das klare Wasser zu trinken und zu staunen über die Kraft und die Macht einer Natur, die nicht eingedämmt wurde. 

 

Nicht eingedämmt? Leider ist auch das nicht richtig. Nicht mehr. Es gibt Staudämme. Es gibt Industrie. Sie zerstört den Schatz, den die Isländer in den Händen halten. Nirgendwo schmerzt es mehr als hier. Nirgendwo trifft es den Gast tiefer mit den eigenen Fehlern daheim konfrontiert zu werden, als bei Anblick der Aluminiumwerke oder des Kárahnjúkar-Staudammes. Nirgendwo sonst wird klarer, wie selbstzerstörerisch wir als Menschen leben und nirgendwo sonst wird klarer, das das kein Weg in die Zukunft sein kann. 

 

Island ist auch in Bezug auf die Wirtschaft und Finanzsysteme ein Musterbeispiel an - so geht es nicht. Die Finanzkrise scheint - wieder an der Oberfläche betrachtet - überwunden. Aber, wer fragt die Menschen, die sich mit drei oder vier Jobs über Wasser zu halten versuchen, während ihr Einkommen gerade so reicht um die Zinsen eines alten Hauskredites zu bedienen? Von Tilgung ist hier keine Rede, sie steht gar nicht zur Debatte, ist unmöglich angesichts der horrenden Zahlungsleistungen. Wer fragt, wie die Isländer es geschafft haben, bis heute, zu überleben? Sie sind kreativ, enorm kreativ. Sie haben ein Familiennetz, ein Gruppennetz, das ihnen hilft. Doch - sie leben am Anschlag der Möglichkeiten. Während die alte, einst so klangvoll abservierte Selbstbedienerelite heute wieder dort ist, wo sie einmal stand. Wer fragt nach dem Zorn der Menschen? Nach ihrer Ohnmacht? 

 

Nein, das ist kein Weg. Es ist keine Lösung. Auch das wird offensichtlich, wenn man die richtigen Fragen stellt und mit offenen Augen durch das Land reist.

 

Unabhängig und frei, so wollten sie immer sein. Das ist ihr Nationalerbe. Island hat sich aus diesem Wunsch heraus gegründet und ist mit seiner Sprache, seinem kulturellen Erbe und seiner Geschichte etwas ganz Besonderes in Europa. Es ist wichtig, das das Land nicht vergisst, woher es kommt. Das es nicht vergisst, das nur aus sich selbst heraus die Lösung kommen kann, die es weiter aufrechte stehen lassen kann. Unbeirrbar. Mit der Natur. Nicht gegen sie. Miteinander. Selbstbewußt. Stolz. Ohne diese zerfressende Angst vor einer erneuten Fremdherrschaft, wie es die Dänische jahrhundertelang war. Ohne das Anlehnen an die zuckersüßen Geschenke amerikanischer Nachhilfe. Es ist eine Lektion für alle Länder. Nur aus uns selbst heraus kommt die Kraft. Nur dort ist sie wirklich. Alles andere schafft Abhängigkeit. Nicht mehr. Und leider auch nicht weniger.

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