Grüne Juwelen im eisigen Meer

Hoch im Norden - gut versteckt

Fotos: Heike Würpel

Sie tauchen aus dem Meer auf, wie blaue Juwele. Inselbrocken, hohe, grüne Felsen in der Weite des Atlantiks. Der Dunst macht sie nur mystischer, die Sicht ist fantastisch. Jede Nuance kommt näher und näher. Für mich fühlt es sich an wie Shangrila. Färöer....

 

Bisher waren die Inseln für mich Sehnsuchtsort mit einem Haken - der Grindwaljagd. Ich bin auch hier, weil ich hinter die Kulissen schauen möchte. Weil ich verstehen möchte, warum und wieso das hier geschieht. Auf so eine brutale, blutige Weise. 

 

Zuerst jedoch nimmt mich die Natur gefangen. Das Abendlicht taucht jede Bucht, jeden Hügel und die Meeresarme in eine Wärme, die mich nur mit großen Augen staunen lässt. Ich fahre quer über die Inseln zum ersten Hotel, weit weg.... herrlich weit weg von der Hauptstadt, dem einzig wirklich trubeligen Platz. Allein der Flughafen war eine Reise wert. Der Mietwagen stand einfach auf dem Parkplatz, Tür offen, Schlüssel unter der Fußmatte, fertig. Keine Übergabe von Mensch zu Mensch. Hier geht alles auf Vertrauen. Warum auch nicht. Jeder kennt jeden. Das schafft eine Sicherheit, die wir nur noch in kleinen Dörfern erleben können. 

 

Es macht Spass, so unterwegs zu sein. Es macht Spass, die Wanderwege hier zu erkunden. Gleich am nächsten Tag - mit Traumwetter - mache ich mich zum höchsten Gipfel auf und geniesse den gigantischsten Rundumblick, den man sich nur wünschen kann. Die Inseln liegen mir zu Füßen. Und so geht es weiter. Höhepunkt nach Höhepunkt. Es gibt auch Rückschläge, aber die sind sehr selten. Meistens sitze ich andächtig auf der gerade bestiegenen Anhöhe und kann mich nicht satt sehen, an all der Schönheit, während die Schafe um mich herumtollen und das Meer am Horizont winkt.

 

Ja, das Meer. Das ist hier überall, allgegenwärtig. Einer meiner neuen Freunde hier bekommt sofort Heimweh nach dem Wasser, wenn er irgendwo anders unterwegs ist. Da ist alles so trocken. Hier muss er höchtens sechs Kilometer fahren und schon wieder taucht das Meer vor ihm auf. 

 

Der Höhepunkt - für mich, ist Mykenes. Die Vogelinsel, ganz im Süden, die nur schwer zu erreichen ist, weil immer wieder Wind und Wellen ein Anlanden verhindern, selbst bei schönsten Sonnenschein. Hier kann man mit Papageientauchern auf echte Tuchfühlung gehen. Armbreit entfernt, in Massen, direkt neben den Nestern. Ich könnte stundenlang sitzen bleiben und den putzigen Genossen beim Landen zuschauen. Sie sehen so purzelig aus, aber bekommen trotzdem immer die Kurve. Faszinierend. Oder die Basstölpel - meine absoluten Lieblingsvögel, die so majestätisch leicht in der Luft schweben, das sie zum Sinnbild schwereloser Eleganz werden. Es ist purer Augenschmaus am Klippenrand zu sitzen und ihnen beim Luftspiel zuzuschauen. Die Steilküste hier ist ein Gedicht. Der Leuchtturmplatz mein Favourit schlechthin. Ich möchte nirgendwo anders sein. Am liebsten ganz allein und für eine Ewigkeit. Dieses Bild in mir einzusaugen, ist das Schönste, was ich seit Langem getan habe.... Und dabei reise ich schon von Schönheit zu Schönheit in dieser Welt. Aber hier - das ist Magie.... Eivör's Musik ist in meinem Herzen. Meine Seele tanzt. Oder wieder habe ich hier Traumwetter.... 

 

Ich habe die ganze Zeit Traumwetter - nebenbei bemerkt. Die Fähringer nennen es Trockenheit, Dürre fast. Sie sind ständigen Regen gewöhnt, Nebel... Es gibt sogar eine Facbook-Gruppe, bei der man sich informieren kann, wo gerade Sonne ist, denn in jeder Bucht, in jeder Ecke ist es anders. Mikroklima vom Feinsten. Es ist genial.

 

Aber hier zu überleben, ist eine echte Herausforderung. Es gibt nicht mehr als Fisch und Vögel. Schafe kommen dazu, leckere Kräuter. Aber in der kurzen Vegetationsphase ist damit nicht soviel Staat zu machen, über's Jahr gerechnet. Deswegen waren Wale immer die absolute Überlebensnotwendigkeit. Ohne sie gäbe es keine Menschen auf den Inseln. Ohne die Wale wären die Abenteurer, die hier übers Meer gekommen sind, hunderte Male verhungert. Bis heute ist das so essentiell tief in der Psyche der Menschen verankert, das jede Walsichtung gemeldet werden muss.

 

Dann kommt der Fang, der soviele Umweltschützer auf den Plan ruft und Protestschreie überall provoziert hat. Das Schlachten findet unter freiem Himmel und vor aller Augen statt. Die Technik ist perfektioniert, aber sie bleibt brutal. Für die Tiere, die natürlich wissen und fühlen, was geschieht und für den Zuschauer. Es ist ein Blutbad. Eines, bei dem am Ende jeder seinen Anteil bekommt. Seit alters her ist genau festgelegt, wieviel das ist. Zuerst geht Fleisch an Kinder und Alte, dann an alle Anderen. 

Mittlerweile sind sie eigentlich nicht mehr darauf angewiesen und das Fleisch ist extrem belastet, aber das ändert nichts an dem Denken und der Tradition, die hier jeder mit der Muttermilch eingesaugt hat. Wal heißt leben. Wal heißt überleben. Ob der Supermarkt nun da ist oder nicht. 

 

Jagd gibt es überall. Sie ist ein Teil unseres Erbes als Menschen. Sie hat uns in jedem Fleck dieser Erde das Leben geschenkt. Eisbären und Robben in Grönland. Wale auf den Färöer-Inseln und Island. Büffel in Amerika. Die Liste geht endlos weiter. Es gibt einen großen Unterschied, zwischen echter Jagd und Massenschlachten, so wie wir es täglich in unseren Schlachthöfen veranstalten. Dieses Messen der Kräfte mit dem Tier hat auch etwas Magisches, das ich gut nachvollziehen kann. Und jedes Volk - insbesondere die Naturvölker - haben ihren eigenen spirituellen Umgang mit dem Töten andere Lebewesen entwickelt.

 

Ein Wesen schenkt sich her um ein Anderes zu nähren. Dankbarkeit. Achtung, auf Augenhöhe. Jeder Jäger, der so unterwegs war, hat sein eigenes Leben bei der Jagd riskiert. So fühlt es sich stimmig an. Und so ist es hier nicht. Nicht auf Färöer, ich weiß. Doch trotzdem vermitteln die Menschen hier eine Ahnung von dieser Art der Herangehensweise. Es geht in die Richtung. Und es berührt mich zutiefst. Mich berührt auch ihre Achtung und Dankbarkeit für die Wale. Das ist kein gesichtloses "ich geh mal in der Supermarkt und hol' mein Hühnchen". Da ist etwas sehr viel Bewußteres. 

 

Gefährdet ihre Jagd den Walbestand? Rein zahlentechnisch? Es kommt darauf an, welche Quelle man heranzieht. Die Umweltschützer sagen ja, die Einheimischen nein. Fest steht, das jeder Wal, der den Färöer-Inseln zu nahe kommt, lebensgefährlich lebt. Wissen das die Tiere? Ich glaube schon. Ich glaube, sie haben, wie wir auch, ihr Informationsnetzwerk, ihr kollektives Gedächtnis. Warum kommen sie trotzdem? Ich weiß es nicht. Aber ich merke, das es hier sehr viel mehr Wahrheiten gibt, als "Sea Shepperd" oder "Greenpeace" vermitteln wollen und können. 

 

Es gibt eine Dimension in der Menschen, die sich nicht wie ein Schalter umlegen lässt. Es gibt die Faszination des Kräfte-Messens mit der Wildheit der Natur. Es pulsiert in unserem Blut. Und lässt sich nicht einfach mal mit Kopfsteuerung verändern. Es braucht Zeit, um einen anderen Umgang mit den lebenen Wesen um uns herum zu finden. Es braucht Zeit, um eine spirituelle Dimension zu entwickeln, die den Anderen nicht mehr als Nahrung sondern als Freund sieht. Ein langer Weg liegt vor uns. Hier, auf Färöer und in jedem anderen Teil der Erde.

 

Ich weiß auf jeden Fall, das ich diesen Ort nicht links liegen lasse, weil ich einer Handlung der Menschen nicht unbedingt zustimme. Ich bin nicht hier, um zu urteilen, das steht mir nicht zu. Ich habe eine Meinung, aber ich habe auch ein offenes Herz. Und dieses Herz schlägt für jedes Wesen, auch für die Menschen, die Wale töten. Mein Herz versteht. 

 

Und so sitze ich Tag für Tag auf den schönsten Felsbrocken der Welt und schaue auf den Horizont. Liebkose die Küstenlinie und bestaune das Flirren der Wolken. Ein Teil von mir würde direkt auswandern. Ein Anderer möchte nur zu Gast bleiben. 

 

Jetzt weiß ich, wie diese wundervolle Musik entstehen konnte. Jetzt ist die Energie dieses Fleckchens Erde auch ein Teil von mir. Einer der schönsten Teile.....

 

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