Stilles Paradies

Seen, Wälder, Ostsee

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Schweden ist Ostdeutschland, wie es hätte sein können. So ungefähr hat es eine Frau beschrieben, deren Bücher mich sehr berührt haben. Ja, ein bisschen ist es so. Irgendwie scheint Schweden eine bessere Welt zu sein, als die, die wir erschaffen habe. Friedlicher, ruhiger, stiller und heimeliger. 

 

Aber so schön das Bild auch ist, das da gezeichnet wird - der Frieden hat eine Gegenseite. Leider. Für mich fühlt sich das Land an, als wäre ein Deckel auf einen Schnellkochtopf gepresst worden. Hier gibt es eigentlich auch alles, was es sonst überall auf der Welt gibt - nur, es wird nicht drüber geredet.

 

Es gibt die Schickimicki-Gesellschaft aus Stockholm, die man alljährlich im Juli auf Gotland treffen kann. Dann ist Visby voller Menschen, die sich die Welt kaufen können mit ihrem Reichtum und jeden Abend in den Restaurants am Hafen ein Vermögen verfuttern. Es gibt die Geschichte einer Großmacht, die so alles andere als friedlich in Europa Tabula Rasa gemacht hat. Eroberung hier. Mord und Totschlag dort. Es gibt die Atomkraftwerke in diesem grünen Land. Und es sollen trotz erklärtem Ausstieg, der heimlich still und leise rückgängig gemacht wurde, mehr werden. Es gibt die Unterdrückung einer Minderheit, der Sami, die ebenfalls aus der Geschichte radiert worden ist - als hätte sie nie stattgefunden. Nur ab und an finden sich Spuren. 

 

Ach ja - und wo wir bei Minderheiten und Ökologie sind - Raubbau an der Natur kennen die Schweden nur zu gut. Auch hier existieren sie - Bergwerkswüsten in großem Maßstab, Gesteinsabbau ohne Rücksicht auf die Folgen. Wo? Gut versteckt und möglichst weit weg vom Süden. Jenseits der Postkartenidyllen. Und bitte auch jenseits der "Ur-Schweden" rund um Stockholm. Im Land der Sámi zum Beispiel, hoch im Norden oder auf Gotland. Umweltschutz ist da wo wirtschaftliche Interessen mitspielen, zweitrangig. Die Sicherheit und der Schutz der Lebensgrundlage der einheimischen Bevölkerung auch.

 

Schweden sind es nicht so recht gewohnt, zu protestieren. Sie sind es auch nicht gewohnt, ihre Gefühle zur Schau zu stellen. Alles geht hier - naja, halt ruhig und gesittet zu. Das ändert sich nur ganz, ganz langsam. In der Zwischenzeit köchelt der Schnellkochtop vor sich hin. Ob er wohl mit Getöse aufbrechen wird? Einen Vorgeschmack vom Potential, das da wartet, bekommt man immer dann, wenn Schweden zu Alkohol greifen. Jugendliche in der Midsommernacht zum Beispiel. Oder dann, wenn Alkohol bezahlbar wird. Wieviel wird in diesem Land wohl hinter verschlossenen Türen ausgelebt, was sonst aufgrund sozialer Regeln fleißig im Dunkel bleiben muss? Ich habe jedes Mal das Gefühl einer nahenden menschlichen Explosion, wenn ich hier herkomme. Eines Befreiungsschlages, der viel zu lange auf sich warten lassen musste. 

 

Mal schauen, wei lange es noch geht. Und wie sich dieser Knoten löst. Bis dahin - ist Schweden wirklich so etwas wie ein Paradies der Kindheitsträume. Aber vergessen wir niemals den Blick hinter die Kulissen. Es gibt nicht nur die schöne Bühne. Es gibt auch die vergessenen Requisiten....

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