Lernen mit dem inneren Kompass

Die Krux eines zementierten Bildungssystems

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"Du bist oberflächlich." Dieser Vorwurf klingt heute morgen in meinen Ohren. Ausgelöst durch ein kurzes Gespräch mit einer studierten Kunsthistorikerin, die nur durch eine Geste und ein kurzes Minenspiel genau diese alte Bewertung wieder auf den Tisch geworfen hat. Eine Bewertung von meinem Wesen, meiner eigenen Art, Wissen zu erlangen, die sich radikal davon unterscheidet, was in Universitäten, Schulen oder sonstigen "Bildungseinrichtungen" als Norm und sinnvoll erachtet wird. Ich habe mein ganzes Leben lang mit diesen Bewertungen gekämpft und dabei versucht, meinen eigenen Weg zu finden und mich nicht schlechter zu fühlen, als alle Anderen.

 

Aber es ist noch kein echter Frieden in mir, sonst würde ich jetzt nicht so getroffen sein. Sonst würde jetzt nicht die Wut in mir pulsieren. Wut auf ein ganzes System, das Menschen vorschreiben will, was richtig und was falsch ist. Ein System, das zwei Klassen produziert und Medaillen vergibt. Ein System, das nur sich selbst bestätigt sehen will und alle anderen Wege ausklammert und auf sie herabschaut mit einer Arroganz, die mir den Magen umdreht. 

 

Wieso sollte nur ein studierte Geologe etwas von Vulkanismus verstehen? Aus welchem Grund glauben wir, das nur ein Titel als Historikerin uns dazu ermächtigt eine eigene Meinung zur Geschichte der Menschheit haben zu dürfen? Warum sollte nur ein Arzt heilen können? Was lässt uns davon überzeugt sein, das es ein festgefügtes und in den meisten Fällen reichlich zementiertes Gefüge braucht, um uns Weisheit in die Köpfe zu trichtern? 

 

Haben wir nie unseren Kindern beim Lernen von Laufen und Sprechen zugeschaut? Brauchte es dafür eine Uni, um perfekt durch das Leben schlendern zu können? Brauchte es einen strukturierten Lehrplan, um selbst so schwierige Sprachen, wie Chinesisch zu meistern? Nein. Natürlich nicht.

 

Natürlich?

 

Wenn das so natürlich ist, dann gibt es keinen Grund, uns ab einem bestimmten Lebensjahr die Fähigkeit abzusprechen, uns selbst all das Wissen beibringen zu können, was wir brauchen. Die Fähigkeit, genau zu spüren, was wir wollen und wo wir es finden. Wir haben den Kompass doch in uns. Und der geht weit über Sprechen und Laufen hinaus. Er dehnt sich bis an den Horizont. So weit, wie wir zu schauen bereit sind. Wir wollen lernen. Dazu sind wir hier. Es macht Freude, es ist Glück, es ist Erfüllung. Von ganz allein. Ohne Anleitung.

 

Das Einzige, was diesen Kompass zum kreiseln bringen oder ganz überdecken kann, ist ein rigoroses System, das über unsere natürlichen Impulse gepfropft wird. Eine Schule, die uns vorschreibt, welche Wissensbereiche etwas wert sind und welche nicht. Ein Stundenplan, der reglementiert, wann wir uns womit beschäftigen sollen und wie lange und intensiv das zu geschehen hat. Eine Universität, die Anwesenheitspflichten für Vorlesungen verlangt, egal wie grottenschlecht der Vortrag auch sein mag und wie langweilig das jeweilige Thema. Eine Ausbildung, die kein Hinterfragen erlaubt. 

 

Sie alle töten die Lust am Lernen. Sie vergiften die Liebe am Neuen. Und - sie nehmen uns den Glauben und die Gewissheit, das wir selbst der eigentliche Maßstab und die Quelle unseres Wissens sind. Sie rütteln am Vertrauen in unsere eigene Weisheit. Sie stellen unser Gefühl in Frage oder werten es so weit ab, das wir gar nicht mehr daran denken, es könnte uns besser leiten als Lehrer XYZ. 

 

Dieses Bildungssystem produziert geistige Krüppel. Es produziert Theoretiker, die nicht über den Tellerrand des eigenen Fachbereiches hinwegsehen können oder wollen. Es produziert Ja-Sager, denen das zustimmende Kopfnicken ihres Lehrers mehr wert ist als das die eigene Überzeugung. 

 

Ich habe Jahre gebraucht, um die Überzeugungen, die ich in meiner Ausbildung eingesaugt habe, wieder aus mir herauszubekommen. Diesen Anspruch der Perfektion, die alle Kreativität sterben lässt. Es hat Jahre gebraucht, um die Freude, die Leichtigkeit, die spielerische Sicherheit wiederzufinden, mit der ich lerne. Es hat Jahre gebraucht, um den Hunger nach Wissen wieder in mir zu fühlen und ihm zu folgen. Es hat bis jetzt gebraucht, um wieder daran zu glauben, das mein Weg der Richtige für mich ist.

 

Doch erst heute höre ich auf, der Anerkennung der studierten Häupter dieser Welt hinterherzulaufen. Dem Nicken der Lehrer. Dem Handschlag von Kollegen. Erst heute verstehe ich, tief in mir, das ich nicht schlechter bin in einem Fach, als ein studierter Professor. Ich habe einen anderen Blickwinkel. Ich habe einen anderen Ansatz. Ich verknüpfe Fakten aus den verschiedensten Fachbereichen so virtuos wie ein Komponist bei der Erschaffung einer neuen Symphonie. Ich baue Brücken über die Abgründe und die Mauern in den Köpfen. Ich überschreite die Grenzen, die wir durch unser Bildungssystem zwischen all' den Fächern geschaffen habe. Ich vertiefe mich heute in nordische Mythologie, gehe auf Du und Du mit Thor, Odien und Loki; morgen bin ich mitten in der Yoga-Philosophie und indischer Geschichte. Übermorgen schaue ich mich in der Mongolei um. Heute lerne ich Japanisch, morgen Sanskrit und übermorgen lese ich etwas auf Französisch oder Portugiesisch. In mir ist Vielfalt. Bunte Vielfalt. 

 

Ich kann mich in französischer Geschichte genauso bewegen, wie in isländischer Literatur. Ich verstehe sowohl das Wesen von Krankheiten und ihre Heilungsmöglichkeiten, wie auch die Funktionen von Geldkreislauf oder Wirtschaftsmythen. Ich glaube daran, das diese Vielfalt in jedem von uns ist. Das wir alle die Fähigkeiten haben, Grenzen zu überschreiten. Ich glaube auch daran, das es dringend nötig ist.

 

Denn in meinen Augen, entstehen Probleme immer dann, wenn man nicht mehr in der Lage ist, über den Rand der eigenen Wahrnehmung auf das Feld nebenan zu schauen. Sie entstehen genau dann, wenn ich glaube, es gäbe nur einen Weg zur "Wahrheit". Sie entstehen mit der Abgrenzung. Dann wenn wir uns besser und richtiger fühlen, als ein Anderer. Die Gefahr bei einem Bildungssytem, wie unserem ist immens, das genau das geschieht. Das sich kleine Inseln bilden, die von allem, was um sie herum vorgeht, nichts mehr mitbekommen. Inseln, die sich in sich selbst verlieren. Die den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Die nur ihre eigene Wahrnehmung zum Maßstab aller Möglichkeiten erklären. In meinen Augen haben wir jede Menge solcher Inseln erschaffen. 

 

Ich habe in den letzten Tagen das Programm der Uni München durchforstet nach einem Fachbereich, der mich interessieren könnte. Vergeblich. Ich habe nur Inseln gefunden. Davon hätte ich gern ein Stück und davon auch. Aber ich darf nur das Stück haben, wenn ich auch den ganzen Rest mitnehme, den ich weder brauche noch will. Es war frustrierend. Inseln, die den Kontinent ignorieren. Diese Eingleisigkeit. Dieses Schmalspurdenken in einer Welt, die verbunden ist. Verwoben. Eins. 

 

Es ist Zeit, Brücken zu bauen. Es ist Zeit, sich die Hände zu reichen. Es ist Zeit, die Schätze des Anderen anzuerkennen ohne auf Titel und Studienzeiten zu schielen. Es gibt unendlich viele Wege. Und jeder sollte die Freiheit haben, seinem eigenen Weg zu folgen. Er sollte alle Möglichkeiten der Unterstützung haben, die er braucht. Ohne Zwang. Ohne Müssen's. Ohne eingebautes Mißtrauen. 

 

Jeder von uns trägt den Samen in sich. Jeder von uns hat seinen inneren Kompass mitgebracht. Eine Gesellschaft ist nur dazu da, das zu unterstützen, damit jeder so blühen kann, wie es ihm wirklich entspricht. Nur dann können wir über eine bunte, herrlich duftende Sommerwiese wandern und nicht durch einen mit dem Lineal abgezirkelten Monokulturwald.

 

 

 

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