Auf Wiedersehen, mein Freund

Abschied, Verstehen, Umarmen

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Einer meiner ältesten und besten Freunde ist vor zwei Wochen gestorben. Für mich - im ersten Augenblick - vollkommen unerwartet, mitten aus dem Leben, mitten aus dem Prozess seiner Seele gerissen. So sehr, das ich die Nachrichten nur sprachlos, schockiert und fassungslos gelesen habe. Wie Nachrichten aus einer Fernsehsendung. Nicht zu mir gehörig.

 

Von außen betrachtet macht es keinerlei Sinn. Eigentlich schien sein Leben gerade auf eine ganz eigene Art an zu blühen. Mit einer neuen Beziehung, einer neuen Hüfte.

 

Aber da ist auch eine andere Seite, die ich schon vor Jahren gespürt habe. Ein Abwenden von der eigenen inneren Welt. Ein Abwenden von seinem spirituellen Weg und ein Abwenden von der Auseinandersetzung mit seinen tiefsten Ängsten. Er war auf einer Art Ausweichkurs vor sich selbst, so schien es für mich. Unser Kontakt tröpfelte, versiegte immer wieder und kam nur stotternd wie ein alter Motor wieder in Fahrt. Die Streits wurden häufiger, die Pausen auch. Wir haben noch einmal miteinander gesprochen, gut zwei Wochen vor seinem Tod, eine Art Versöhnungsgespräch, aber eigentlich sind wir damit nicht näher zusammengerückt. Denn er war nur noch in seiner neuen Welt. In Thailand. Mit jedem Satz. Mit jedem Wort. Die Tiefe, die ich in unseren Gesprächen so geliebt hatte, sie gab es nicht mehr. Er lebte in einer anderen Wirklichkeit, einem gänzlich anderen Universum, in das ich ihm nicht folgen wollte und konnte. 

 

Vielleicht ist das der Grund, warum mich sein Tod nicht vollkommen verstört hat. Da ist eine Unberührtheit in mir, die mich selbst fast erschreckt. Ich merke mit seinem wirklichen Abschied, das unser Abschied schon viel früher stattgefunden hat.

 

Ich trauere um den Freund, den ich schon vor Jahren verloren habe. Ich trauere um den Menschen, mit dem ich Hand in Hand durch die Tiefen unserer beider Seelen gereist bin. Ich traurere um den Freund, der sich seiner Angst gestellt hat und in seiner ganz eigenen Art scheuer Unsicherheit mehr Mut zeigte als irgenwer sonst, den ich kenne. Ich trauere um seine Neugierde, seinen Mut und um die Vergangenheit, die nicht wiederkehren wollte. Er war ein Vertrauter, eine konstante Größe, als sich meine Welt zersplitterte und wieder neu zusammensetzte. Dafür werde ich ihm immer zutiefst dankbar sein. Genauso wie für seine Geduld, sein offenes Ohr und sein Lächeln. 

 

Ich glaube, seine Seele hat ihren Weg vollendet. Für sie gab es in diesem neuen Leben keinen Platz mehr, deshalb wollte sie nicht bleiben. So verstehe ich es jetzt. Es geht nicht um die Äußerlichkeiten. Es geht immer nur darum, was in unserem Inneren wächst und gedeiht. Das ist es, was ich mitnehme aus seinem Gehen. Es erinnert mich an meinen eigenen Weg und daran, das ich mich nicht verlieren möchte, wie reizvoll die äußere Welt auch locken mag.

 

Doch da ist noch mehr. Sein Sterben hat mein Bild zurechtgerückt. Es hat mein Negieren der Realität geradegebogen. Ich habe ihn zwar gesehen, wie er jetzt ist, aber ich wollte es nicht akzeptieren. Ich wollte festhalten an dem, was nicht mehr war. Doch es war Zeit für den Abschied. Es war Zeit für jeden von uns, zu gehen. Jeder auf seinem Weg, der für ihn vollkommen ist. Das ist etwas, was mir unglaublich schwerfällt. Nicht nur bei ihm. 

 

Heute ist seine Beerdigung. Heute kommen die Freunde zusammen, um zu trauern. Ich bin weit weg. Drei Flugstunden. Arbeitend, wie diese ganzen letzten Wochen. Ich wandere mit meinen Gruppen über eine geteilte Insel und zeige ihnen verborgene Schönheiten. Und abends wandere ich durch meine Vergangenheit. Lese die Facebook-Nachrichten von Freunden und denke an das, was uns einmal so tief verbunden hat.

 

Die geografische Entfernung scheint wie ein Spiegel zu sein, von dem, was uns bereits trennte. Ja, ich werde an dich denken, heute. Dankbar für die Geschenke. Und verstehend, warum du jetzt gegangen bist. 

 

Auf Wiedersehen, mein Freund. Und hab' eine gute Weiterreise auf deinem Weg durch dieses wundervolle, vielschichtige Leben, das mit dem Tod nur in eine andere Etappe übergeht. 

 

 

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