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Was mich in Afrika immer wieder tief berührt, ist die unglaubliche Energie und Lebensfreude, die die Menschen hier ausstrahlen. Ihre Buntheit, ihr Lachen, ihren unverfälschten Rhythmus, den Willen und den Optimismus. Nichts konnte das Rückrat dieses Kontinentes und seiner Menschen brechen. Nichts konnte die Ursprünglichkeit und die Wildheit, die dort noch so sichtbar ist und uns an unsere Eigene erinnert, ausmerzen. Auch wenn wir uns alle redlich darum bemüht haben. Jahrhundert um Jahrhundert um Jahrhundert. Bis heute.

 

Bis heute betrachten wir Europäer die Afrikaner nicht als gleichwertig. Wir kennen sie aus Schreckensmeldungen als Opfer oder Despoten. Als Hungernde oder exotische Fotomotive. Als billige Arbeitskräfte oder korrupte Regierende. Als Flüchtlinge oder Bettler. Doch wir übersehen dabei die Kraft der Menschen. Wir übersehen ihre Schönheit. Wir übersehen ihren Stolz und ihre wirklichen Fähigkeiten. Ihr Feuer und ihr Herz. Wir messen sie mit unseren Werten und versuchen sie in unser Bild von Effizienz und Wirtschaftlichkeit einzupassen. Es sind Werte und Bilder, die hier fehl am Platz sind. Weil sie ausblenden, wie verzerrt, einseitig und hierarchisch unser Blick auf die Welt tatsächlich ist. 

 

Die Afrikaner wiederum haben unseren Blick auf ihr eigenes Wesen adaptiert. Sie haben ihre Wertlosigkeit und Unfähigkeit zum Handeln adaptiert. Sie bleiben in der Opferrolle. Denn es ist eine sehr bequeme Rolle, die es ermöglicht, die eigene Verantwortung an der Situation auszublenden auf bis in alle Ewigkeit auf fremde Schultern zu verteilen. Auf den Schultern derer, die sich schuldig fühlen. Wegen der Geschichte. 

 

Solange wir Afrika als Opfer sehen und nicht als gleichberechtigt. Solange, wir blind und schuldbewußt wiedergutzumachen versuchen und im selbsen Atemzug rausholen, was geht, belügen wir uns selbst und beschneiden sowohl die Kraft der Menschen in Afrika als auch unsere eigene.

 

Unser Opferbild macht aus Afrika einen Kontinent, dem es zu helfen gilt. Doch wir helfen nicht an der Wurzel. Wir helfen oberflächlich und haben damit aus dem Helfen ein ganz eigenes, gut florierendes Geschäft gemacht, das sich praktisch selbst bezahlt und am Laufen hält. Unzählige Hilfsorganisationen tummeln sich auf dem Kontinent. Die Spenden fließen.

 

In den allerwenigsten Fällen ist es Hilfe, die Sinn macht oder dort ankommt, wo sie soll. Sie stammt in der Regel aus einem wohlgemeinten Selbstverständnis, besser zu wissen, was vor Ort nötig ist, als die Menschen die dort leben. Es ist keine Hilfe zur Selbsthilfe, die aus der momentanten Abhängigkeit eine echte gleichberechtigte Unabhängigkeit macht. Denn das wäre das Ende der Hilfsorganisationen, ein Ende der Geschäfte, die dort gemacht werden und das wäre auch ein Ende der Gewissensberuhigung. Es würde uns in Kontakt bringen mit unserem Teil der Verantwortung. 

 

Es ist die Verantwortung aus der Kolonialgeschichte von Europäern und Arabern. Es ist die Verantwortung für das ökologische Chaos. Und es ist die Verantwortung für die Kriege und die rücksichtlose Ausbeutung aller Ressourcen, die Afrika hergibt.

 

Die Kolonialmächte haben Afrika als Selbstbedienungsladen, Arbeitskräftereservoir und Experimentierfeld betrachtet. Sie haben die Völker hin- und hergeschoben, gegeneinander ausgespielt, gnadenlos ausgebeutet und darüber möglichst viel Goldlack gepinselt, um das eigene Handeln schönzuschreiben. Doch de facto haben wir einen zutiefst zerissenen Kontinent hinterlassen. Länder entstanden ausschließlich nach den Vorstellungen der fremden Machthaber. Die Grenzen entsprechen keinerlei traditionellen Stammesgrenzen und sind deshalb schwelender Zündstoff seit vielen Generationen. Zündstoff, der oft genug so unfassbar explodiert, so, wie in Ruanda.

 

Wir haben Stämme hinterlassen, denen ganze Generationen fehlten, weil sie als Sklaven im Amerika oder auf Missionarsschulen landeten uns so ihrer eigenen Kultur enfremdet wurden. Wir haben ihnen den eigenen Glauben genommen und ihnen dafür einen fremden christlichen Glauben übergestülpt. Mit verheerenden Folgen. 

 

Und wir tun das weiterhin. Mit anderen Mitteln. Doch nicht weniger effizient und zerstörerisch. 

 

Heute sind es die Bodenschätze, und das Land an sich, das sich die "reichen Staaten" Europas, Amerikas und Asiens aufteilen. Es sind die Arbeitskräfte, die für einen Hungerlohn das tun, was unseren Wohlstand ermöglicht. Es ist die Nahrung, die hier aus See und Meer gefischt wird und auf unseren Tellern landet, egal mit welchen ökologischen Folgen für die Länder, aus denen diese Nahrung kommt. Jeder macht hier Geschäfte. Ob nun Europa, Russland, Amerika oder China. 

 

Heute sind es auch in massivem Maße die finanziellen Fesseln, mit denen wir die Regierungen Afrikas knebeln und ihnen vorschreiben, wie sie zu regieren haben, wenn sie ein Stück vom Kreditkuchen abgekommen wollen. Die Weltbank ist kein netter Verein, der sich um das Wohlergehen der Afrikaner sorgt. Nein. Sie ist ein Mittel, um möglichst viel Macht und Kontrolle über die Ressourcen Afrikas zu bekommen. Egal wie.

 

Die Länder mögen aus den Kolonien zu eigenständige Staaten geworden sein. Doch eigenständig sind sie nur auf dem Papier. Im Hintergrund werden die Machtverhältnisse weiterhin von europäischen, amerikanischen und asiatischen Staaten bestimmt. Sie haben leichtes Spiel. Eigenständigkeit will gelernt werden. Besonders, wenn die eigenen demokratischen Strukturen einst zerschlagen wurden und die fremden nur Kopien einer anderen Wirklichkeit sind. Eigenständigkeit braucht auch einen ganz eigenen Weg. Einen afrikanischen Weg. Doch dafür gibt es keine Hilfe. Dafür jede Menge Steine. 

 

Afrika kämpft mit immensen Problemen, von denen die zunehmende Versteppung und der  Nahrungs- und Wassermangel nur eines darstellt. Es kämpft mit den Folgen des Klimawandels. Mit Versteppung, Entwaldung, Überbevölkerung und Krankheiten. Es kämpft mit fremden Herrschern und eigenen Despoten, die aus europäischen Eliteuniversitäten stammen und ihre eigenen Völker nun ihrerseits als Selbstbedienungsladen verstehen. Natürlich. Sie haben es von uns ja nie anders vorgelebt bekommen. Und sie werden von den verschiedensten rangelnden westlichen Staaten für ihre Unterwürfigkeit und Zuarbeit belohnt. Immer und immer und immer wieder.

 

Doch das Bild wandelt sich, trotz aller Widrigkeiten, trotz allen Gegenwinds und trotz der immensen Abhängigkeiten. Afrika's Rückrat ist nicht gebrochen. Und das ist ein Wunder. Die Menschen finden dort ihren eigenen Weg. In atemberaubendem Tempo und auf eine Weise, von der wir uns dicke Scheiben abschneiden können. Doch von diesen Erfolgsgeschichten hören wir praktisch nichts in unseren Medien. Dort wird nur das Bild der Opfer weiter gepflegt.

 

Dabei übersehen wir den Sturm, der sich zusammenbraut. 

 

Es ist ein Sturm, der die Verhältnisse gerade rücken wird. Weil Afrika aus seiner Opferrolle herauswächst. Und das ist gut so. Denn wir brauchen ein unabhängiges, stolzes, selbstbewußtes Afrika. Wir brauchen die Menschen. In ihrer ganz eigenen Schönheit. 

 

Dann können wir alle von diesem bunten, herrlichen Farbenteppich angesteckt werden, den Afrika verkörpert. Und von dieser unbändigen Kraft, die unter all dem Filz, dem Chaos und der Zerstörung wartet und pulsiert. Eine Kraft, die in der Musik, in der Mode und in der Lebensfreude nur ab und zu durchblitzt, wie ein Licht in der Dunkelheit. 

 

Wie können wir helfen? Indem wir Verantwortung für unser Handeln in der Vergangenheit und in der Gegenwart übernehmen ohne dafür bis zum Sant Nimmerleins Tag zu zahlen; indem wir nicht mehr auf Kosten dieses Kontinents leben sondern mit ihm. Gleichberechtigt. Hand in Hand. Indem wir unsere Spiele um Macht, Geld und Kontrolle beenden. Vollständig. Kein gieriger Griff mehr in eine andere Schatztruhe. Zusammenarbeit. Gern. Unterstützung? Wenn sie gewünscht wird und auf Unabhängigkeit zielt. Ok. Alles andere - nein, danke. 

 

Doch vor allen Dingen helfen wir, wenn wir die Menschen endlich in einem anderen Licht sehen. Als Freunde. Wirkliche Freunde.

 

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