Am anderen Ende der Wut

Flackerndes Feuer, wärmende Hände

                © Heike Tolxdorff  / pixelio.de                 © Dirk Weise  / pixelio.de                  © Rene Tittmann  / pixelio.de

So heftig die Abgrenzung und das Loslösen von alten Beziehungen, Freundschaften, Menschen, Mustern oder Verhaltensweisen auch erscheinen mag;  so explosiv das Gemisch sich auch ausdrückt und wie direkt meine Worte dafür auch waren - so notwendig ist dieser Schritt auch gewesen. Die unterdrückte Wut vieler Leben hat wie ein Feuer in mir gebrodelt, wie ein Vulkan, der jederzeit hochgehen konnte. Unberechenbar und gefährlich. Nur, das ich mir das niemals erlaubt hätte. 

 

Wie oft wurden mir die Worte verboten und ich habe stillgehalten. Wie oft musst ich mich unterordnen, um in der Hackordnung dieser Welt zu bestehen. Wie oft habe ich mein eigenes Wesen vollkommen verleugnet, weil das der einzige Weg zu sein schien. All dieses Unterdrückte verschwindet nicht. Es ist weiterhin da. In jedem von uns. Und schwelt vor sich hin, samt stickiger Gase. 

 

Es braucht jede Menge Energie und eiserne Selbstkontrolle, um diesen Berg an Emotionen unsichtbar bleiben zu lassen.

 

Doch irgendwann muss diese Wut ausbrechen. Sie muss an die Oberfläche. Sie muss sieden, brodeln und überkochen. Sichtbar werden. Für uns und auch für Andere. Alles, was unterdrückt wurde, muss sich seinen Weg bahnen und frei werden. Auch wenn es verletzt. Doch das ist nichts gegen die Verletzung in unserem Inneren. Das ist nichts gegen die Folter, die wir uns selbst antun, wenn wir uns weiter in Ketten zu legen versuchen.

 

Was mich bisher zurückgehalten hat, war die Angst vor den Folgen. Es war die Angst, jeden vor den Kopf zu stoßen, der mir etwas bedeutet. Es war Angst vor einer entfesselten Kraft, die sich nicht mehr eindämmen lässt. Wie das Bild einer brechenden Staumauer, die mit ihre Wassermassen alles Leben auf ihrem Weg zerstört. Wie die indische Göttin Kali, die auf den Totenköpfen tanzt.

 

Genau darum brauchte es für mich sehr viel Mut diesen Schritt zu gehen und das zu schreiben, was in meinem letzten Tagebucheintrag steht. Ich will niemanden verletzen. Allein schon deshalb, weil ich den Schmerz der Anderen wie meinen eigenen fühle und mir damit praktisch selbst Wunden schlage. Ich wußte genau, was geschieht und welche Gräben sich dann auftun. Ich bin ein Wesen voller Liebe. Für mich, für die Anderen, für die Welt. Und wie kann und darf denn Liebe verletzen? Das geht doch nicht. Das passt doch nicht zusammen! Ich darf doch nicht so sein!

 

Dieser Widerspruch, diese innere Auseinandersetzung hat immer weiter zu meiner eigenen Unterdrückung beigetragen. Er hat mich gefesselt in falscher Rücksichtnahme. Das war der Knoten, den ich zerschlagen musste. In mir. Tief in mir. 

 

Doch Liebe ist alles. Auch Kali. Auch die Zerstörung. Auch die Verletzung. Weil nur dort, wo es richtig wehtut, Heilung geschehen kann. Dort, wo die tiefsten Wunden berührt werden, warten auch die größten Geschenke. Und niemand kann diese Wunden so sehr berühren, wie die Menschen, die wir zutiefst lieben. 

 

Nur dann kann der nächste Schritt folgen. Nur dann ist der Weg frei. Das kann ich jetzt spüren. Sehr, sehr deutlich. Und es lässt mich tanzen und lachen und staunen.

 

Zum ersten Mal betrachte ich mich selbst als Geschenk, auch und gerade auch mit diesem Mut, alles auszudrücken, alles zu zeigen, alles zu sein. Zum ersten Mal erlebe ich den Wert des Schmerzes in seiner Ganzheit. Weil ich in meinen schwärzesten Abgrund gesprungen bin. Es hat mich nicht umgebracht. Es hat mich nicht einsam und allein in der Ecke stehen lassen. Es hat mich nicht zum Außenseiter gemacht und mein Selbstbild in Schutt und Asche gelegt. Es hat Raum gemacht, für ein neues Erwachen. Es hat die Verantwortungen auf die richtigen Schultern vereilt und alles geordnet, was gefüllt war mit Abhängigkeiten, falschen Rücksichtnahmen und verqueren Verbindungen.

 

Meine Liebe ist nicht gestorben, da unten inmitten der Wut. Sie ist tatsächlich quicklebendig und frei wie ein Vogel. 

 

Nun verstehe ich dieses Bild des durch's Feuer gehen. Es ist unser eigenes Feuer, das wir alle am meisten fürchten. Und es gibt nichts Schöneres für mich, als seine Flammen jetzt ruhig und friedlich brennen zu sehen. Der Vulkanausbruch ist vorbei, alles gesagt, was zu sagen war. Zeit, die Hände zu wärmen und Andere an dieses Feuer einzuladen... ;-)

 

 

Foto: Uschi Dreiucker / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Marco Schlüter / pixelio.de
Foto: Peter / pixelio.de
Foto: Andreas Hermsdorf / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de
Foto: Herbert Raschke / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Rolf Handke / pixelio.de
Foto: Susanne Richter / pixelio.de
Foto: roja48 / pixelio.de
Foto: Bernd Kasper / pixelio.de
Foto: Rudis-Fotoseite.de / pixelio.de
Foto: Peter A / pixelio.de
Foto: Carolin Daum / pixelio.de
Foto: Thomas Wiesendahl / pixelio.de
Foto: Uschi Dreiucker / pixelio.de
Foto: Bernd Kasper / pixelio.de
Foto: Gabi Schoenemann / pixelio.de
Foto: H.D. Volz - pixelio.de
Foto: hum / pixelio.de
Foto: Maren Beßler - pixelio.de
Foto: Rosel Eckstein / pixelio.de
Foto: Alexander Altmann / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de