Im Land der Sámi

Die Seele von Schwedisch-Lappland

                  © Claudia Huldi  / pixelio.de                  © dieter leve  / pixelio.de                     © dieter leve  / pixelio.de

Tiefster Winter - wenn Andere schon vom Frühling träumen. Hier oben im Norden - zwischen Arvidsjaur und Lycksele wird der nächste große Schwung Schnee erwartet. Und ich freue mich auf jede Flocke davon. Denn sie verwandelt diese Welt weiter und weiter in ein absolutes Winter-Wunderland. Ein Land, das meine Augen leuchten lässt. Weil Schneekristalle um mich herum wett-glitzern, wie Glasfragmente. Weil ich diese unberührte Weite, diese reine, pure, ganze Schneedecke liebkosen möche. Ich möchte hineingleiten, in diese Puderzuckerwolke aus Wonne und meine ganze Liebe in dieses Land hineinfließen lassen. 

 

Ich spüre die Vergewaltigungen, die diese Landschaft im Laufe der letzten Jahrhunderte erfahren hat. Sie sind eingemeißelt in den Gesang der Bäume und des Windes. Sie streifen mich, wenn ich still durch scheinbar unberührte Wildnis laufe. Sie umtösen mich, wenn wieder eine Gruppe von PS-Freaks auf Motorschlitten durch die Wälder braust. Laut, brüllend, stinkend. Sie schauen mich an, wenn ich abgeholzte Kahlflächen sehe, die an Friedhöfe erinnern. Es tut weh, immer wieder neu, wenn ich die Unachtsamkeit erlebe, mit der so viele Menschen hier, ihre Umwelt als reinen Abenteuerspielplatz betrachten und Rücksicht jenseits all ihrer Vorstellungen auf Eis liegt. Wo ist ihr Herz? 

 

Gerade in dieser Woche sind nordschwedische Ferien und der kleine Ort am nördlichen Rand von Västerbotten platzt aus allen Nähten. Kinder wuseln durch's Hotel, draußen vor dem Fenster lärmt eine schwedische Familie so lautstark, das ich kaum einen klaren Gedanken fassen kann. Türen knallen. Heute im Wald kamen alle paar Minuten Motorschlitten vorbeigebraust. Was sieht man im Geschwindigkeitsrausch wirklich von der Natur? Was bekommt man mit, von der Seele dieses Ortes?

 

Die Seele zeigt sich für mich nur in der Stille. Wenn ich ganz allein bin. Nichts die feinen Schwinungen stört, die ich hier überall fühlen kann. Dieses Land ist so kraftvoll und so zerbrechlich zugleich. Ich denke an die vielen Erzminen - die nächste ist nur zehn Kilometer weg. Ich denke an Straßen und Lichtungen, die sich wie Narben durch die Natur ziehen. Wozu? Um Menschen zu dienen? Niemand kann jenseits des Eroberungsmodus denken. Niemand scheint zu fühlen, das in diesem Land das Gold nicht unter der Erde wartet, sondern dort, wo der Fluß in seiner urwüchsigen Kraft dahinströmt. Wo die Sonne glitzert, der Schnee sacht fällt und der Blick weit über Berge und Ebenen schweift. 

 

Statt dessen suchen die Leute hier nach einer Abfahrtspiste, um in halsbrecherischem Tempo den Hang herunterzusausen. Statt dessen wirft das hiesige Holzwerk Abgaswolken in die Luft, die den Blick auf das Nordlicht versperren. Statt dessen überfluten im Winter Auto-Enthusiasten die hiesigen vereisten Seen um ihre Fähigkeiten beim Driften zu testen. Der Flughaufen floß über vor Bosch-Audi-BMW-Angestellten, die als kleinen Kick ein Wochenende im Winter bekommen haben. Menschen, die nur über die neuesten Modelle reden können. Über Stärken und Schwächen fachsimpeln und Wettrennen starten. Statt dessen lärmen die Menschen im Wunsch nach Erholung und zerstören dabei genau das, was sie so sehnlichst suchen und wünschen. Statt dessen preisen die Einheimischen die Flut an Arbeitsplätzen in der Region. Doch - um welchen Preis geschieht all' das? 

 

Das Land ist vergewaltigt. Genauso wie seine ursprünglichen Bewohner. Es ist die gleiche Geschichte, die überall auf der Welt mit den indigenen Völkern geschehen ist. Kolonialisierung und Ausbeutung um jeden Preis. Schweden macht - entgegen seinem Image - nicht den geringsten Unterschied. Wahrscheinlich wirkt es deswegen umso schwerer. Und macht mich noch trauriger.

 

Es gab viele Augenblicke in den letzten Wochen, in denen ich sehr genau spüren konnte, welche Kraft, Schönheit und Liebe in dieser Erde steckt. Ich höre die Schreie, ich spüre die Pein. Ich höre zu, wenn mir die Bäume ihre Geschichte erzählen und die Erde mir zuruft. Ich lausche dem Wasser und lasse das Sonnenlicht tief in mich hinein. Genauso, wie das Licht des Vollmond's und der Sterne.

 

Ich suche nicht nach irgendeinem Kick. Ich brauche keine Geschwindigkeit. Weniger ist so, so, so viel mehr. Das Knistern eines selbstgemachten Feuer's, nachdem ich mich bei den Scheiten bedankt habe, die mich jetzt wärmen. Der Geschmack des heißen, köstlichen Wassers. Die eisige Luft in meinen Lungen. Klar, frisch und so belebend, das ich vor Energie fast schwindlig werde. Die Dunkelheit der Nacht, das Mondlicht über den See. Das Gefühl, über der Weite des Wassers auf dem Eis zu laufen, das mich trägt. Der Elch, der am Waldrand zu mir herüberschaut. Die Fährte des Fuchses, der vor wenigen Minuten hier vorbeilief. Die vereisten, tief verschneiten und gezuckerten Bäume am Nordhang der Berge, die direkt aus einem Märchen hierhergebeamt scheinen. Die Vollkommenheit ist direkt vor unser aller Augen. Siehst du sie?

Foto: Uschi Dreiucker / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Marco Schlüter / pixelio.de
Foto: Peter / pixelio.de
Foto: Andreas Hermsdorf / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de
Foto: Herbert Raschke / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Rolf Handke / pixelio.de
Foto: Susanne Richter / pixelio.de
Foto: roja48 / pixelio.de
Foto: Bernd Kasper / pixelio.de
Foto: Rudis-Fotoseite.de / pixelio.de
Foto: Peter A / pixelio.de
Foto: Carolin Daum / pixelio.de
Foto: Thomas Wiesendahl / pixelio.de
Foto: Uschi Dreiucker / pixelio.de
Foto: Bernd Kasper / pixelio.de
Foto: Gabi Schoenemann / pixelio.de
Foto: H.D. Volz - pixelio.de
Foto: hum / pixelio.de
Foto: Maren Beßler - pixelio.de
Foto: Rosel Eckstein / pixelio.de
Foto: Alexander Altmann / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de