Zwischenstop Stockholm

Großstadtgewusel & Touristenlärm

                    © Lupo  / pixelio.de                                 © Knase  / pixelio.de                          © sfelder  / pixelio.de

Es ist faszinierend, in diese andere Welt einzutauchen. Frisch eingeflogen vom Waldwinterland, aus einem der am dünnsten besiedelten Kreise Schwedens, der mit seinen 0,9 Einwohnern pro Quadratkilometern nach EU-Standard als unbewohnt gilt, mitten hinein in die Großstadt. Schon in der Metro schaue ich fast ausschließlich Menschen zu, die sich mit allen vorhandenen Mitteln weit wegbeamen. Kaum jemand hat keine dicken Kopfhörer auf, kaum jemand, der nicht auf sein Handydisplay starrt. Ein Vater gibt einem kleinen Mädchen neben mir das Handy mit einem sinnlosen Spiel in die Hand, damit es fein beschäftigt ist.... 

 

In der Innenstadt hasten die Leute an mir vorbei, tummeln sich in den Läden auf der Suche nach Schnäppchen oder laden ihre Körbe im Bio-Supermarkt turmhoch voll. Wochenendeinkäufe. Die Altstadt steckt - wie immer - voller Touristen aus aller Herren Länder. Schwedisch höre ich hier gar nicht. Russisch  fällt mir auf. Mitten in der Storkyrkan, in die ich mich zum stillen Fühlen zurückgezogen habe. Von wegen Fühlen. Eine Führerin redet pausenlos leise - aber in der Kirche mit ihrem Hall exzellent vernehmlich bis ins hinterste Eck - auf eine Kundin ein und erklärt ihr jedes noch so kleine Detail. Als ich sie daraufhin anspreche, starrt sie mich verständnislos an, als wäre ich gerade vom Mars eingeflogen und macht an anderer Stelle weiter.

 

Im Skansen kann ich wenigstens die Ausblicke genießen. Die sind tatsächlich traumhaft schön. So wie jeder Blick vom Djurgarden hinüber zur Altstadt. Aber als ich die Gehege der Rentiere und Elche sehe, wird mir schlecht. So traurige Augen, soviel Verzweiflung und soviel Niedergeschlagenheit hauen mich um. Die Tiere, die ich in Lappland mitten in Freiheit über den vereisten See und Hochmoore habe rennen sehen, stehen hier zusammengefercht in Mini-Gehegen und rennen im Kreis herum. Die Rentiere heben müde die Hufe, um ihrem Instinkt folgend den Schnee beiseite zu scharren. Sie wollen an die nicht vorhandenen Flechten, obwohl ihr Futterkorb natürlich voll ist. Aber was sollen sie denn tun im goldenen Käfig? Allen Blicken schutzlos ausgesetzt, ohne jeglichen Rückzugsraum. Sie horchen auf, als eine übermütige Gruppe von Jungs sie mit blöden Sprüchen und grunzenden Lauten aufscheuchen will. Ich kann nicht länger zuschauen, es ist nicht auszuhalten. Nur - sie können nicht weg.

 

Gut, das wenigstens der wunderschöne Luchs zu weit entfernt und der Sprache nicht mächtig ist, um die deutschen Touristen zu verstehen, die sich lautstark und besserwisserisch über sein gemachtes Nest echauffieren. "Guck mal, wie faul der ist. Liegt nur herum und denkt, das er nichts machen muss, nur weil er dreimal am Tag zu fressen kriegt." 

 

Ganz ehrlich. Soll ich mich da zugehörig fühlen? Nein. Danke. Ich laufe abseits. Denke abseits. Bin abseits. Und wieder einmal sehr dankbar dafür. Mir ist jedes vierbeinige Wesen hier oben zehnmal näher, als die Zuschauer. Habe ich gerade zehnmal geschrieben. Hundert wäre passender.....

 

Bei aller Fremdheit, ich merke, wie gern ich durch diese Welt laufe und Menschen begegne. Aber ich bin kein Teil mehr von ihnen. Eher ein Besucher. Ein Gast. Beobachter und Zeuge. Ich nutze die Sturktur, kenne mich in ihr aus. Lerne. Erfahre. Aber ich bin nicht mehr mittendrin, sondern außen vor. Der Abstand tut mir gut. Er lässt meine Neugierde auf diese eigenartigen Wesen wieder ins Unermeßliche wachsen. Er schärft meinen Blick. Und befeuert meine "Feder", die natürlich im digitalen Zeitalter aus zehn Fingern auf der Tastatur besteht. 

 

So werde ich auch heute durch Stockholm ziehen, in der Tunnelbana sitzen, im Nordischen Museum vorbeischauen, um mir die dortige Sami-Ausstellung anzuschauen und vielleicht sogar ein Kino besuchen. Mal sehen. Nach Lust und Laune. Wohin auch immer meiner Neugier mich zieht in diesem wuseligen Kessel voller unerfüllter Träume, gescheiterter Höhenflüge, hoffender Sehnsüchte, geschäftiger Zielstrebigkeit und suchender Wünsche. Was ich bisher nirgendwo gesehen habe, ist schlichte, glückliche Zufriedenheit. Was ich nicht gesehen habe, ist ein stilles, kugelrundes Lächeln. Nur in mir. Da lebt all das. Auch jetzt in diesem Augenblick....

 

 

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