Aus der Tiefe muss es kommen

Veränderung des kompletten Systems

Fotos: Heike Würpel

20. September 2019. Klimastreik. Weltweit. Ich war mittendrin, in Berlin, am Brandenburger Tor. Und habe Tausende von Menschen gesehen, die auf die Straße gegangen sind. Menschen, die sich Sorgen machen, die ein Umdenken fordern, einen anderen Umgang mit der Erde. Kinder. Eltern. Wissenschaftler. Ärzte. Alte. Junge. Vom Kindergarten bis zum Rollstuhl. Jeder war dabei, dessen Herz ihn gerufen hat. 

 

Bei aller Masse, bei aller Wucht, bei aller Energie - ich habe noch etwas realisiert. Dieser Wandel, er kann nicht an der Oberfläche kratzen. Es ist unmöglich, dort zu verharren und wirklich etwas zu verändern. Das würden reine Schönheitsoperationen bleiben, wie es unsere Regierung im Moment eindrucksvoll demonstiert. Das Denken von gestern bindet ihnen so wirkungsvoll die Hände, das jeder sogenannte Beschluss ein Witz bleiben muss. Ein Schwert ohne jede Scheide. Stumpf und unbrauchbar für die Dinge, die wirklich getan werden müssen. 

 

Jeder einzelne Bereich unseres Lebens ist betroffen. Und nur eine Richtung ist möglich. Die von Innen nach Außen. Nicht umgekehrt. Nicht vom Kopf gesteuert. Nein, vom Herzen. Aus einem Herzen, das versteht, das alles mit allem verbunden ist. Das wir alle in einem Boot sitzen. Gemeinsam. Was immer wir tun, hat Auswirkungen auf das Leben anderer Menschen und Lebewesen. Jede, wirklich jede unserer Handlungen hat langfristige Folgen. Nichts verschwindet einfach. Nicht das liebevolle Gefühl, nicht der Müllberg. Nicht die Hand, die ich dir reiche und nicht der Kondensstreifen des Flugzeuges. Was immer wir tun, es zeigt, wer wir wirklich sind in diesem Moment.

 

Und das Händeschütteln der Politiker weltweit, wenn es um Greta und die Klimastreiks geht und dieser sogenannte Klimapakt zeigen nur, das unsere politischen Systeme nicht mehr funktionieren. Weil sie versuchen mit dem Denken der alten Welt, das auf Konkurrenz und Gegeneinander basiert, einen Konsens zu finden. Das Ergebnis ist der kleinstmögliche Nenner, weil jeder Angst hat, zu kurz zu kommen. Das Ergebnis ist Greenwashing in jeder Variante, um sich dann für die Unfähigkeit, echte Entscheidungen zu fällen, feiern lassen zu wollen. 

 

Das ist eine Sackgasse. Die Menschen durchschauen es, mehr und mehr. Sie lassen sich nicht mehr belügen. Nicht von Unternehmen, die grün tun und das Gegenteil unter der Decke zu verstecken suchen. Nicht von Politikern, die sich selbst bejubeln - für ihr eigenes Versagen. 

 

Wir leben in einer Zeit, in der Lügen am Ende angekommen sind. Inklusive dem "sich selbst belügen". Der Zustand unserer Erde zwingt uns zur Wahrheit, ob wir es wollen oder nicht. Und das ist gut so. 

 

Ich sage nicht, das es einfach ist. Es ist mehr als nur ein kleines Erdbeben. Es erschüttert alles, was wir jemals von uns selbst und der Welt geglaubt haben. Es krempelt jeden Gedanken um. Es macht uns wütend, ohnmächtig, ängstlich und erstarrt. Es lässt uns schreien lassen und kämpfen, protestieren, Mauern einreißen und Wahrheit einfordern. Und auch das ist gut so. 

 

Doch eines ist wichtig dabei. Zuallererst müssen wir uns selbst im Spiegel aushalten. Uns anschauen. Denn jeder von uns hat dieses System ermöglicht, das uns jetzt so gnadenlos um die Ohren fliegt. Jeder von uns hat Steine für die Mauer beigesteuert. Jeder von uns hat auf irgendeine Art den Mund gehalten, zugeschaut, genickt oder lieber dort draußen nach Schuldigen gesucht, statt auch nur einen Deut an sich selbst zu verändern. Jeder von uns hat zuerst an sich selbst und seinen Wohlstand gedacht und die Folgen ausgeblendet. Jeder von uns ist mit extremer Kurzsichtigkeit durch die Welt gestolpert und hat geleugnet, das sein Handeln unabwendliche Folgen hat. Erst dieses ehrliche und tiefgehende Eingeständnis setzt die Energie frei, die wir jetzt alle gemeinsam brauchen. Erst wenn wir die Verantwortung für unser eigenes Verhalten und Sein in der Vergangenheit übernehmen, können wir eine neue Zukunft bauen. Erst wenn wir sehen, was wir selbst dazu beigetragen haben, an diesen Punkt zu kommen und uns eingestehen, das wir keine Engel mit reiner, weißer Weste sind - erst dann können wir wirklich etwas verändern. 

 

Erst dann haben wir keine Angst mehr. Vor Niemandem. 

 

Denn das Schlimmste ist nicht, dem Untergang der Welt zuzuschauen. So schmerzhaft er auch sein möge. Das Schlimmste ist, zu erkennen, das man selbst die Ursache dafür ist. Weil man sich selbst belogen hat. Dieser Schmerz ist unermeßlich. Und ich wünsche ihn Niemandem.

 

Also. Lasst uns in den Spiegel schauen. Eingestehen, was wir getan haben und was wir weiterhin tun. Denn - wenn Demonstranten darüber reden, das ihr nächster Kurzurlaub nach Mallorca oder Dubai per Flieger gehen soll - und jede Anmerkung darüber mit Agression beantworten, dann haben sie sich selbst noch nie kritisch betrachtet. Wenn Formel-Eins-Fahrer versuchen mit Elektromotoren und grüner Botschaft Punkte zu sammeln für ihren "Sport", dann ist das Selbstlüge in purer Form. Wenn eine "grüne" Bank mit einem der größten Industrie-Unternehmen heimlich Hand in Hand kooperiert, dann ist das Heuchelei. Und wenn eine grüne Partei einem Deal mit der Industrie zustimmt, nur um überhaupt einen Deal zu machen, das ist das Selbstverrat. 

 

Ich weiß, es ist unbequem. Ich weiß, es tut verdammt weh. Aber glaubt mir, die Alternative ist weitaus schmerzhafter. Jetzt zerreißt es nur unser momentanes Selbstbild. Wenn wir es nicht tun, zerreißt es unsere Seele und unser Herz. Ich weiß, wovon ich rede. 

 

 

 

 

 

 

 

 

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